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low-budget magazin
30.01.2005

Delbo : Kleine Galaxien

Eigentlich war das ja alles nicht geplant. Da marschiert man kurz vor Weihnachten zum örtlichen CD-Händler, um sich selbst mit Tonträgern zu beschenken und stößt auf ein kleines grünweißes Digipak mit dem Titel “Delbo – Innen/Außen”. Wirkt sympathisch – gekauft. Zuhause dann die Überraschung: Fernab von Drei-Akkord-Songs und straight aufs Maul-Hymnen erklingt da etwas Neues, Ungewohntes. Nach dem dritten Durchlauf wird dann alles ein wenig klarer, man lernt sich langsam kennen, freundet sich an und irgendwann merkt man, dass man sich in Delbo verliebt hat. Weil sie anders sind, als das, was sich sonst so in der Schublade “deutschsprachige Gitarrenmusik” tummelt, weil sie sich aus vertrackten Rhythmen und versteckten Melodien ihr eigenes kleines Universum zusammenbasteln, das schöner nicht sein könnte.

Sechs Monate später.
Man sitzt auf dem Immergutfestival in einem kleinen bunten Bauwagen und hält Daniel Spindler (Bass, Gesang), Florian Lüning (Schlagzeug, Elektronik) und Tobias Siebert (Gitarre) ein Mikro vor die Nase, um ihnen die Fragen zu stellen, die vielleicht zur Klärung des Rätsels um Delbo beitragen könnten.
Seit 1999 gibt es die Band in dieser Formation, davor spielten Daniel und Florian zusammen bei “Evelyn’s Pørk”, früher war auch Uwe dabei, der ihnen noch “ab und zu Gesellschaft leistet, wenn er etwas Spaß haben will” und es sich zwischen den anderen auf dem Sofa bequem gemacht hat.
Flo: “Er hat’s aus Zeitgründen nicht mehr hinbekommen, wir hatten dann auch dann keinen Bock uns ständig mit ihm rumzuärgern.”
Tobias: “Wir proben halt sechs Mal die Woche und das konnte er nicht mehr erfüllen… acht Stunden am Tag!” Allgemeines Gelächter.

Drei Wochen davor.
Man fährt zur Pop Up Messe in Leipzig. Im Ohr: Delbo. Man rätselt über die Texte, die in Zeiten von Bands wie Tomte, Blumfeld und den repolitisierten Sternen ungewohnt kryptisch wirken, als wolle man die Hörer bewusst im Dunkeln lassen – Delbo liefern ganze Sätze, keine Parolen.
Daniel: “Ja, Absicht ist es schon, aber jetzt nicht, um besonders geheimnisvoll zu wirken, sondern weil … ich persönlich noch keine gute Parole in meinem Leben hingekriegt hab. Es liegt mir einfach mehr auf diese Art und Weise. In den Texten geht es selten um eine konkrete Aussage, sondern eher um einen Moment oder so was, eine kleine Aufnahme. Ich mag Texte lieber, die in mir etwas auslösen – vielleicht etwas Unbestimmtes –, als einen Text, der einem klar vorgibt, wie man ihn zu lesen hat. Die Lieder haben schon alle einen Inhalt, aber für mich ist es nicht notwendig, dass alle daran teilhaben müssen. Ich denke, wenn wir so was wie eine Aussage haben, die vom Hörer entschlüsselt werden kann, dann passiert das eher über die Musik.”
Während schon erwähnte Tomte mit ihrer letzten CD nicht nur die Songtexte, sondern sogar einige Seiten Liner Notes veröffentlichten, findet sich auf der Innenseite des Covers von Delbos aktuellem Album “Innen / Außen” nichts außer einem “Danke”.
Daniel: “Was Texte in CD’s betrifft finde ich das eigentlich auch immer gut, aber auf der anderen Seite gehören Text und Musik einfach zusammen und das wäre ein Ungleichgewicht zugunsten der Texte, wenn die da stehen würden. Prinzipiell kommt auch dazu, dass für uns in der Band die Stimme so einen Instrumentenstatus hat, statt eines Sängers, der da in der Mitte steht und den Fuß auf die Monitorbox stellt. Die Texte sind einfach Teil der Musik und wir sind übereingekommen, dass man sie nicht rauslösen und extra abdrucken sollte, weil es zur Musik gehört… und die ist ja auf der CD drauf.”

_Drei Wochen später
Delbo stehen auf der Bühne des Immergut Festivals und sorgen bei einigen Zuschauern für strahlende Gesichter. Füße auf der Monitorbox sieht man hier wirklich nicht, statt dessen wirkt die Band ungewohnt introvertiert, Daniel und Tobias stehen sich gegenüber, sehen sich an und schließen die Augen.
Daniel: “Bei uns ist das schon immer so gewesen, dass wir einander angucken. Das wurde uns schon oft als Arroganz dem Publikum gegenüber angekreidet, weil wir uns irgendwie ‘einkesseln’, aber…für uns ist es wichtig zu gucken, wie die anderen beiden so… ”
Tobias: ”...rumeiern!”
Daniel: ”...ob die das gut finden gerade oder nicht. Nee, also wirklich, ich find das total wichtig! Ich frag mich immer, wie das bei anderen Bands funktioniert, die ihre Konzerte spielen und nicht einen Blick wechseln.”
Tobias: “Geht gut!”
Florian: “Wir haben uns auch extra vorgenommen für solche Riesenbühnen, dass wir uns näher zusammen stellen. Sonst funktioniert das irgendwie nicht bei uns!”
Uwe: “Die beiden flüstern sich immer totale Sauereien ins Ohr, wenn sie so dicht beieinander stehen.”

Zwei Stunden später.
Bernd Begemann betritt den Bauwagen, den er sich mit den drei Berlinern teilt, und steckt den Kopf durch die Tür. Er murmelt etwas, wirft eine Kusshand in den Raum und verschwindet wieder. Im Hintergrund zeigen Kettcar gerade einigen Tausend Menschen, was es heißt zu schwitzen.
Und die Musik von Delbo? Handgemacht. Gitarre, Schlagzeug, Bass, ein paar Effekte. Dafür verschachtelte Rhythmen, überraschende Wechsel zwischen Laut und Leise, kleine versteckte Melodien, die erst beim genauen Hinhören deutlicher werden. Klingt vielleicht ein wenig verkopft.
Florian: “Man kann nicht sagen, dass wir das bewusst machen. Das ist die Summe aus dem was dabei herauskommt, wenn wir drei uns im Proberaum treffen. Wir denken uns keine verrückten Taktarten aus oder irgendwelche Sachen, die das Ganze sperriger machen. Es passiert einfach so. Das ist nicht so verkopft, wie viele denken, sondern entsteht durchs Zusammenspielen.”
Tobias: “Es gibt bei uns niemanden, der in den Proberaum kommt und eine Idee mitbringt, ein komplettes Lied, sondern wir machen alles zusammen. Wir treffen uns und spielen einfach los. Dann entstehen so verschiedene Teile, die wir zusammenpacken. Oder wir erinnern uns an alte Teile, die wir vor ‘nem halben Jahr gespielt haben und denken ‘Ey Mann, das passt jetzt super da rein’ und probieren etwas rum. Aber wie die Kollegen schon sagen, das ist nichts Vorhergesehenes.” (Uwe und Tobias gröhlen: “Die Kollegen!!”)

Drei Wochen davor.
Delbo spielen auf der Pop Up in Leipzig beim “Aufwärmabend” für das Immergut.
“Sitz ich im Drachen / steht er meist in der Gegend rum…” klingt es aus den Boxen, eine Zeile aus dem Song “Sniffty”.
Lachend versucht Daniel unter eifrigen Zwischenrufen seiner Bandkollegen zu erklären, was es mit diesem Drachen auf sich hat: “Das ist so ein Innen/Außen-Ding…”
Tobias: “Im Drachen, vor dem Drachen…” –
Daniel: “Ein End-Beziehungs-Text, um das mal ganz blöd zu entzaubern.”
Uwe: “Was soll die Scheiße mit dem Drachen! Was soll diese Drachenscheiße?”
Daniel: “Bei den Puhdys, die haben ja auch so ein Lied mit dem Drachen, aber ich glaub da geht es eher um handfeste Sachen…”
Uwe und Flo singen: “Geeeh zu ihr und lass deinen Drachen steigen…”
Tobias: “Das ist ziemlich sexistisch!”
Daniel: “Also das hat damit nichts zu tun…”

Zwei Wochen später.
Eine Nachricht: “Sam, du magst doch Delbo und du fährst ja zum Immergut. Willst du die vielleicht für mich interviewen?”

Links:
www.delbomat.de
www.loobmusik.de

text: samantha bail

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