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low-budget magazin
28.04.2005

Gegen den versnobten Literaturbetrieb

Anfang diesen Monats erschien ein neues Literaturmagazin: [sic]. Ein Gespräch mit den beiden Herausgebern Daniel Ketteler und Christoph Wenzel über Startschwierigkeiten, Popliteratur, die neu erwachte Lust an der Lyrik und warum Prilblumen noch lange keine gute Literatur hervorbringen.

Wozu braucht man überhaupt Literaturmagazine?

Daniel Ketteler: Man braucht sie natürlich gar nicht. Literatur ist Luxus. Genau wie alles Kulturelle aber ist es zugleich auch ein Grundbedürfnis. Man kann Literatur nicht essen, man kann sie nicht trinken und trotzdem ist sie in gewissem Maße eine Lebensnotwendigkeit.

Christoph Wenzel: Ganz pragmatisch gesehen bietet uns [sic] natürlich ein Forum für den eigenen Geschmack und gleichzeitig eines für neuere Autoren. In diesem Sinne ist [sic] eine Bühne, die Chancen eröffnet.

Aber ihr bietet nicht nur jungen, eher unbekannten Autoren eine Bühne sondern könnt in der ersten Ausgabe gleich auf Texte von Joachim Sartorius, Georg Klein oder auch Jan Wagner zurückgreifen. Durchaus erstaunlich für ein neues Magazin.

CW: Ja, wir waren auch überrascht, wie schnell und unkompliziert das vonstatten ging. Wir haben die Autoren einfach angeschrieben und unser Konzept mitgeschickt. Wir dachten zunächst, ohne bereits eine Ausgabe vorweisen zu können sei die Autorenakquise eher eine schwierige.

DK: Sicherlich spielt da auch mit rein, dass die etablierten Autoren ja auch alle einmal klein angefangen haben. Sie wissen, dass hinter solchen Projekten der idealistische Gedanke schwerer trägt als die kommerziellen Vorteile – von denen wir ohnehin noch nichts spüren.

Und wie waren die ersten Reakionen?

DK: Joachim Sartorius beispielsweise hat uns direkt nach Erscheinen der ersten Ausgabe handschriftlich geschrieben und uns alles Gute gewünscht. Überhaupt bekommen wir enorm viel substantielle Kritik. Wir merken, dass sich die Leser tatsächlich intensiv mit den Texten auseinandersetzen.

CW: ... und dass dabei nicht alles eitel Sonnenschein ist, ist klar…

DK: Ja. Aber das liegt auch in unserer Auswahl begründet. Wir drei (die beiden Herausgeber Christoph und Daniel sowie Gilbert Dietrich, Redakteur aus Berlin, Anm. d. Verf.) haben einen sehr unterschiedlichen Geschmack. Das erzeugt zwar oft Reibungen, aber genau das ist es, was wir wollen. Reibungswärme.

CW: Das Heft soll nicht zu stromlinienförmig werden. Deswegen auch die sehr unterschiedlichen Texte.

Ihr habt einige junge Autoren aufgenommen. Herdis Hagen z.B. ist 1982 geboren. Mir kommt es so vor, als ob im Feuilleton die jungen Autoren per se erstmal mit dem Begriff “Pop” kategorisiert werden. Obwohl der Unterschied zwischen einem Florian Illies hier und einem Rainald Goetz dort kaum größer sein könnte, laufen beide immer noch unter “Popliteratur”.

CW: Ich habe so meine Probleme mit dem Begriff Popliteratur. Wenn das wie bei Illies auf Prilblumen und Nutella als selbstbespiegelnde Generationenwahrnehmungen hinausläuft, hat das für mich nur mehr wenig mit interessanter Literatur zu tun.

DK: Es gibt schon einige gute Sachen, die unter dem Label “Pop” laufen. Nur der Begriff an sich wird oft wahllos verwendet. In gewissem Sinne könnte man auch Paul Auster als Pop bezeichnen. Aber ich glaube [sic] zeigt ganz gut, dass es durchaus junges Schreiben jenseits dieser leeren Begrifflichkeiten gibt. Und das war auch ein Ziel. Ich glaube, wir haben da ein recht feines Gespür, was das Abgleiten der Texte ins rein Selbstbefindliche betrifft. Da sind Grenzen, die wir nicht überschreiten möchten. Und dann muss man halt auch Manuskripte ablehnen können.

Eine Freundin von mir arbeitete im Lektorat eines großen Verlages. Daher kenne ich das Problem der Manuskriptfluten. Dort ist es ganz normal, dass sich eingeschickte Texte stapeln und zum Teil erst Monate später gesichtet werden können. Ich könnte mir vorstellen, dass das bei euch – wenn auch nicht in dem Maße – ähnlich ist.

CW: Ja, das stimmt, es kommt so einiges bei uns an. Leider auch Texte, bei denen wir uns fragen, wie die Autoren auf die Idee kommen, dass wir sie veröffentlichen. Und da geht es nicht mal um die Qualität sondern vielmehr um die Stile.

DK: Das verstehe ich auch nicht. Da scheinen Autoren einfach blind ihre Geschichten rauszuschicken, ohne dass sich vorher mit dem Medium auseinandergesetzt wurde. Aber wir sind natürlich auch keine Literaturpäpste. Nur weil es bei uns nicht abgedruckt wird, heißt das noch lange nicht, dass es schlecht ist, also bitte: Weiterhin Texte schicken!

Wie sieht es mit Vorbildern aus? Seht ihr euch in einer bestimmten Tradition von Literaturmagazinen?

DK: Eigentlich nicht. Wir sind da recht unabhängig. Auch wenn es natürlich Magazine gibt, die in eine ähnliche Kerbe schlagen, EDIT zum Beispiel oder auch BELLATRIST.

CW: Aber wir haben negative Vorbilder! Das war auch so ein Antrieb: Das, was uns an anderen Magazinen störte, besser zu machen. Die Szene ist ja recht überschaubar. Oft dachten wir uns “Ja, super, tolle Texte, aber…” Dann gefiel uns das übergreifende Konzept halt nicht oder auch die Aufmachung, die bei uns ja einen sehr wichtigen Teil des gesamten Hefts einnimmt.

[sic] wurde von Viola Binacchi gestaltet und ist gleichzeitig ihre Diplomarbeit. Wie kam die Zusammenarbeit zustande?

DK: Mit Viola verbindet mich eine Kindergartenfreundschaft. Wir sind in demselben Kaff, tiefste Provinz, aufgewachsen. Vor drei Jahren haben wir zusammen mit Adolphe Lechtenberg (Bildhauer und Autor, Beuys-Schüler, Anm. d. Verf.) in einem kleinen Münchener Verlag ein Buch herausgegeben. Da lag es nahe, weiterhin zusammenzuarbeiten. Zumal Viola mit ebensoviel Herzblut bei der Sache war, wie wir. Ständig kamen neue Vorschläge zur Gestaltung von ihr.

CW: Generell kann man sagen, dass viele Kontakte über Beziehungen aufgebaut wurden. Der ganze Arbeitsprozess ist in weiten Teilen eine Art Familienangelegenheit. Und wir wollen diese Verbindungen auch pflegen und ausbauen. Ziel ist und war die Etablierung eines offenen Netzwerks.

Der ersten Ausgabe liegt auch ein kleines Booklet bei, das Fotoarbeiten von Till van Daalen enthält…

DK: ... ja, darauf sind wir auch sehr stolz. Die Bilder gehören übrigens einer Serie an, die Till demnächst auch im Hamburger Pudel-Klub präsentieren wird.

Wollt ihr solche Gimmicks auch in den kommenden Heften beibehalten?

CW: Auf jeden Fall! Wir wollen uns auf keinen Fall irgendwie limitieren. Was genau da noch kommen wird, wissen wir selber noch nicht, aber das Vernetzen verschiedener Kunststile interessiert uns sehr. Auch unsere Zusammenarbeit mit Jens Heinen (beatsurfers.com), der Visuals zu unseren Lesungen beisteuert, fällt da rein.

DK: Natürlich ist das auch alles eine Kostenfrage. Aber wenn ich denn irgendwann mal in meinem Brotjob Millionen verdienen sollte – ich würde es ohne ein Augenzwinkern in [sic] stecken.

[sic] ist aufgeteilt in drei Bereiche: Lyrik, Prosa und Theorie. Findet Lyrik überhaupt noch sein Publikum?

CW: Naja, wenn man sich anschaut, in welchen Stückzahlen Lyrik heute verkauft wird, ist das schon sehr wenig. Auf der anderen Seite entsteht gerade in den letzten Jahren wieder eine junge Lyrikszene, die sich auch durch Open-Mic- und Poetry-Slam-Sachen repräsentiert. Und solche Bücher wie “Lyrik von Jetzt” oder überhaupt die Lyrikreihe aus dem DuMont-Verlag sind schon erfolgreich.

DK: Auch hier wollen wir wieder Forum sein und eine Bühne bieten. Deswegen auch der hohe Anteil an Gedichten, den wir sogar noch ausbauen wollen. Für mich als Autor sind Gedichte aber immer noch Nebenprodukte im Brecht’schen Sinne. Mein Ziel ist es, dass auch der Kumpel aus’m Pott meine Texte liest und das ist halt eher durch Prosa zu erreichen. Interessant an Lyrik finde ich diesen Widerspruch: Obschon Lyrik immer sehr verdichtend ist, meist kurz und prägnant, eröffnet sie in der Rezeption dann wieder große Räume. Und die Kürze ist nicht nur da von Vorteil. Die erfolgreichsten literarischen Internet-Texte sind immer noch Gedichte.

Ich könnte mir vorstellen, dass der Theorie-Teil der einzige ist, der dem Leser ein gewisses Maß an Identifikation mit eurem Magazin anbietet. Das Konzept ist ja eher etwas, das im Hintergrund mitschwingt und nur bei den sachlichen Texten kann etwas wie direkte Haltung durchschimmern.

CW: Eigentlich auch dort nicht. Zwar würden wir dort keine Texte abdrucken, die völlig unserer Richtung entgegenlaufen. Aber wir wollen schon Streitbares, Sachen, über die vielleicht auch wir uneins sind.

DK: Wir planen, auch diesen Teil auszubauen, essayistischer zu werden, ein breiteres Spektrum zu bedienen, als das bei üblichen germanistischen Arbeiten der Fall ist. Letztlich wollen wir den versnobten Germanisten- und Literaturbetrieb auch ein wenig aufbrechen.

In einigen Arbeiten der ersten Ausgabe, aber auch ganz besonders auf der Lesung mit Adolphe Lechtenberg und Christoph Leisten sind politische Anklänge nicht zu überhören. Wie steht ihr zu politischer Literatur?

CW: Ich kann gut damit leben, solange es nicht ins Tagespolitische reinragt.

DK: Sehe ich auch so. Position zu haben und zu beziehen ist mir wichtig. Misstrauisch werde ich dann nur bei solch einem Umschwingen, wie man das bei Martin Walser und Botho Strauß beobachten kann. Ich könnte mir zum Beispiel einen Text über die Papstwahl gut vorstellen. “Wir sind Papst” – bei so etwas wird mir ganz anders.

CW: Ich glaube auch nicht daran, dass jüngere Autoren sich weniger mit Politik beschäftigen oder diese weniger in ihre Texte einfließt. Vielleicht geschieht das jetzt nur auf andere Weise.

DK: Vielleicht könnte man das, wo wir hin wollen und gleichzeitig unsere Erwartung an politische Literatur als welthaltig bezeichnen. Ein antiquierter Begriff, aber ein treffender.

CW: Ja, Welthaltigkeit... sehr gut.

~

Christoph Wenzel, geboren 1979 in Hamm, lebt in Aachen und promoviert dort über Kafka. Veröffentlichungen von Lyrik, Kurzprosa und Rezensionen in Literaturzeitschriften und Anthologien. “zeit aus der karte”, Rimbaud Verlag, 2005. Verschiedene Jungautoren- und Förderpreise.

Daniel Ketteler, geboren 1978 in Warendorf, studiert Germanistik und Medizin in Aachen und belegt zur Zeit ein Praktisches Jahr im dortigen Klinikum. Magisterarbeit über Benn. Veröffentlichungen von Lyrik und Kurzprosa in Literaturzeitschriften. Zusammen mit Adolphe Lechtenberg: “Atemlos”, München 2002.

[sic] ist für 5 Euro online zu beziehen über www.siconline.de. Buchhandlungen, die [sic] verkaufen, sind dort auch gelistet.

Nicht entgehen lassen sollte man sich die nächsten Lesungen: 30.5. im Hamburger Golden Pudel Klub und 23.6. im Kaffee Burger, Berlin.

text: alexander viess

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