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low-budget magazin
23.05.2005

(Pop Up Protokoll : Tag 3

Endlich ist er da, der Tag um den es eigentlich geht, für den schon seit Wochen gespart wird: Samstag ist Messetag! Wie erwartet, ist das Werk II wieder bis zum Anschlag vollgestopft mit Musik in allen Formen, von CDs und Schallplatten über Fanzines und Labels bis hin zu den Live-Auftritten in der Halle 5 auf der Rückseite des Werks.

Bei der Dekoration der Stände hat man sich besondere Mühe gegeben, da finden sich Plüschummantelungen, Dartspiele, unzählige iBooks zum Musik hören und liebevoll handgemalte Poster. Dazu gibt es natürlich massig Promomaterial wie CDs, Postkarten, Sticker und Poster für umsonst, sowie Verpflegung in Form von Kaffee, Kuchen und tonnenweise Schokolade. Das Mekka für verfressene Indie-Pilger, möchte ich sagen. Ein Stockwerk höher finden diverse Diskussionsrunden statt zu Themen wie dem Problemkind Radio in Deutschland, der Fanzinekultur und dem Ende des Musik-TVs. Somit kann man den ganzen Nachmittag auf der Messe verbringen, ohne sich zu langweilen. Bei Mi Amante einen hübschen Label-Sampler einpacken, am What’s So Funny About?”-Stand Waldmeister-Bonbons klauen, endlich das sagenumwobene 7”-Kistchen der PNG erwerben, das Konzert von Katze verpassen, weil man gerade um finnischen Wodka zockt und nebenher viel zu viel Geld für Platten ausgeben, die man a) schon immer mal haben wollte oder b) gerade von einem netten Labelmenschen aufgeschwatzt bekommen hat. Hach, wie schön das doch alles ist!

Der Höhepunkt der (Pop Up folgt nur wenige Stunden nach Ende der Messe: Um das Erscheinen des gleichnamigen Samplers zu feiern, wurden unter dem Motto “I can’t relax in Deutschland” The Robocop Kraus, Räuberhöhle und Von Spar ins Conne Island geladen. Allein schon die Namen lassen dem tanzfreudigen Elektrodiscorockfan die (inzwischen schmerzenden) Füße zucken und Schweißperlen auf die Stirn treten.
Sehr viele dieser tanzfreudigen Menschen wollen heute ihre Leidenschaft im Conne Island ausleben und so stehe ich erst einmal 20 Minuten in der Schlange vor dem Eingang, als die ersten Töne von Räuberhöhle zu hören sind. Stampfende Beats, Quieken, Kreischen und lautes Geschepper werfen einige Fragen auf. Endlich in der Halle angekommen, bietet sich mir ein Bild des Grauens: Auf der Bühne befindet sich eine Art Kasperltheater, das den glitzernden Schriftzug “Räuberhöhle” trägt, daneben steht eine blonde Dame in pinkem Sportdress, Krone und Umhang, die sich gerade mit einer Handpuppe unterhält. Darauf folgt ein bunter Mix aus Schlumpf-Techno und Bierbeben, begleitet von tanzenden Männern in Frauenkostümen, tonnenweise Glitzerkonfetti, Partyhütchen, ins Publikum geworfenen Kaubonbons und weiteren Handpuppen-Showeinlagen. Ich bin einfach zu entsetzt, um diese Zirkusband wirklich schlecht finden zu können. Räuberhöhle, du crazy Schlachtschiff im weiten Meer des Trash, machst mich völlig sprachlos.
Von Spar, die sich irgendwo zwischen elektronischer Tanzmusik und Elektropunk bewegen, rocken wie erwartet ganz prima – Willkommen im Pit.
Und dann: The Robocop Kraus. Falls sie nicht eh schon als eine der besten deutschen Livebands abgekultet wurden, wird das hier an dieser Stelle erledigt: Wahnsinn. Publikum und Band kleben kollektiv die Hemden am schwitzenden Leib, die letzten Kräfte werden mobilisiert, es wird mit hoch erhobener Faust getanzt, auch wenn man kaum noch stehen kann. Die Robo-Rockmaschine läuft auf Hochtouren, bis das Schlagzeug gnadenlos in seine Einzelteile zerlegt und damit klar gemacht wird: Jetzt ist Schluss. Ab nach Hause.

Was für ein Wochenende. Es ist beeindruckend, wie sich eine Messe für “unabhängige” Musik im Zeitalter von immer stärker sinkenden Plattenkäufen, Retortenbands und polyphonen Klingeltönen dem kollektiven Gejammer so entschlossen entgegenstellt. Schon die große Besucherzahl auf der Messe und den verschiedenen Veranstaltungen (eindeutig mehr als im letzten Jahr) macht klar: Da geht was. Die deutsche Indie-Szene wird erwachsen und selbständig und feiert das Ende ihrer Pubertät genau wie wir damals unseren 18. Geburtstag: Mit einer wilden Mischung aus Party, einem Hauch von Zukunftsangst und gleichzeitig viel Vorfreude auf das, was noch kommt.

(Und wenn das zu pathetisch klingt, lösch einfach alles raus und schreib: Wahnsinns-Party, super Bands, Mann, war ich voll.) [- Nö Sam, ich lasse das drin, inklusive unserer Kommentare. Unbedingt zuhause nachmachen!]

text: samantha bail

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