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low-budget magazin
15.12.2005

Eine kurze Geschichte zum Kino Südkoreas

Das südkoreanische Kino, von Derek Elley 1997 als vergrabener Schatz Ostasiens beschrieben, ist längst weltweit bekannt geworden. In Ostasien hat es sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu einer der dynamischsten und wirtschaftlich wachstumsstärksten Branchen entwickelt. Auf vielen internationalen Filmfestspielen liegt der Fokus auf Südkorea und in Deutschland sind Filmemacher wie Kim Ki-duk oder Park Chan-wook keine Unbekannten mehr.

Für “Samaria” erhielt Kim 2004 auf der Berlinale den Regiepreis, Park für “Old Boy” in Cannes den Publikumspreis. Kim Ki-duks nachfolgende Filme “Frühling, Sommer, Herbst und Winter… und Frühling”, eine zen-buddhistisch angelegte Parabel über das menschliche Leben und der zuletzt erschienene Film “Bin Jip”, zeigen mit bestechend schönen Bildern eine Welt, die der unseren sehr fremd ist. Es ist Kim gelungen hinter allen uns unterscheidenden kulturellen Differenzen auf ein paar grundlegende Dinge zu weisen, die alle Menschen gleichermaßen betreffen. Faszinierend ist die Wortlosigkeit des Gezeigten, der Verzicht auf das Unwesentliche und das Gefühl, durch dieses Stilelement einen Blick in die Seele des Menschen werfen zu können. Allein in Deutschland zeigte sich Kora dieses Jahr auf der Frankfurter Buchmesse und den Asien-Pazifik-Wochen in Berlin. Im Filmmuseum in Frankfurt am Main war eine (süd)koreanische Filmreihe zu sehen. Weitere südkoreanische Filmreihen wurden unter anderem durch die Freunde der Deutschen Kinemathek e.V. realisiert. Diese wachsende Präsenz und die vielfachen Auszeichnungen koreanischer Filme, die das Interesse wie oben ersichtlich im Ausland weckten und eine stärkere Verbreitung koreanischer Produktionen im Westen förderten, sind jedoch nicht die einzigen Faktoren, die an der Formung und Explosion des koreanischen Kinomarktes beteiligt sind. Die 146-Tage Regel, welche ursprünglich als Opposition gegen die amerikanische Filmindustrie und deren Übermacht gedacht war sowie die finanzielle Unterstützung der koreanischen Automobilindustrie bis zur Wirtschaftskrise Ende der 90er gaben dem koreanischen Film viele neue Impulse und Möglichkeiten.
Stark eingeschränkt durch den politischen Einfluss und die Zwänge der Zensur beginnt die koreanische Filmgeschichte. Ende der 50er Jahre erlebt der Film seine erste Blüte, im Melodram, doch zeigt es sich mit Erinnerungen an Krieg und Terror. Veränderungen und der Wandel im Publikumsgeschmack scheinen erst durch das Heranwachsen einer jüngeren Generation möglich. “Qualitätsfilme”, wie sie vom diktatorischen Staat verlangt werden müssen regimefreundlich mit einer antikommunistischen Tendenz sein. Sie beruhen auf klassischen Vorlagen und propagieren konfuzianistische Werte. Jedoch nimmt die Zahl der koreanischen Filmproduktionen in den 70er stetig ab. 1980 werden nur noch 91 Filme produziert, die Zahl der Kinobesucher sinkt auf rund 54,5 Millionen (Vergleich:1969, 229 Filmproduktionen und 173 Millionen Kinobesucher). Da in dieser Zeit knapp mit den Filmkosten kalkuliert wird (Drehzeit pro Film 20 Tage, altes technisches Equipment, sehr schlechte Bezahlung), schauen sich die jungen Leute lieber Hochglanzprodukte aus Hollywood anstatt der billigen, mangelhaft produzierten koreanischen Filme an. Am 26. Oktober 1979 wird der Diktator Park von seinem eigenem Geheimdienstchef bei einem Festbankett erschossen. Demonstrationen für mehr Demokratie im Land werden von der Armee blutig niedergeschlagen. Mitte der 80er erzielen ausländische Filmimporte durchschnittlich zwei Drittel der Gesamteinnahmen an den Kinokassen, ein trauriges Ergebnis des profitträchtigen Imports (meist aus Amerika). Durch politischen Druck und der Androhung von Einfuhrzöllen für koreanische Elektronindustrieprodukte in Höhe von 100% erzwingen die Amerikaner 1988 den eigenen Vertrieb ihrer Filme in Südkorea. Vorher lief er über Koreaner in Los Angeles, welche die Filme für Importfirmen in der Heimat einkauften. Dort wurde die Ware schließlich an örtliche Verleiher und Kinobesitzer weiterverkauft. Die nationale Filmindustrie reagiert auf ihre Verdrängung vom Markt mit Sabotageakten. Es werden Giftschlangen in den Kinos ausgesetzt, häufig hängt Tränengas in der Luft. Um die Stimmung zu entschärfen ordnet die Regierung in Seoul an, dass Kinos von nun an 146 Tagen im Jahr koreanische Produktionen zeigen müssen, ein schwerwiegender Beschluss für beide Seiten. Die 90er sind Jahre des politischen Umbruchs sowie des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels. Am 25. Februar 1993 schwört Kim Young-sam seinen Amtseid als Präsident der ersten demokratisch und mehrheitlich gewählten, rein zivilen Regierung Südkoreas seit 32 Jahren. Die Stimmung in der Bevölkerung ist hoffnungsvoll. Die Modernisierung im Land geht stetig voran, ein Wandel zur Konsumgesellschaft findet statt. All diese Entwicklungen werden auch im Kino gespiegelt. Die Filmemacher reflektieren das Zeitgefühl indem sie Themen aus dem modernen Leben problematisieren. Zu sehen sind nun häufiger Generationskonflikte in Familien oder zwischenmenschliche Isolation. Die rasante Modernisierung schließt natürlich auch die Kinotechnik mit ein. Es kommen neue Trendgenres wie Horror oder Fantasy auf. Trotz demokratischer Regierung und allgemeinem Wohlstandswachstum ist die Stimmung in der Filmindustrie jedoch sehr niedergeschlagen. 1993 beträgt der Anteil der einheimischen Produktionen an den Kinokassen nur noch 16 Prozent, den Rest kassiert die Konkurrenz aus Hollywood. Es besteht die Gefahr, dass zu wenige Filme produziert werden, um die Kinos an 146 Tagen mit einheimischen Streifen zu versorgen, wie es von der Regierung vorgeschrieben ist. Um dieses Tief zu überwinden fördert die Regierung 1997 den Bau eines 1,3 Mio. qm großen, fertig gestellten Studiokomplexes nahe Seoul an. Die koreanischen Filmproduktionen fusionieren mit Firmen wie Daewoo, Samsung und CHeil Jedang (CJ). Die übernehmen die Finanzierung und den Vertrieb von südkoreanischen Filmen. Es entstehen Produktionen von herstellungstechnisch hoher Qualität. Daewoo entwickelt sich zur führenden Filmproduktions- und Vertriebsfirma.

Die Filme, welche seitdem entstehen, wirken frisch, kreativ und unaufgetragen. Da ist z.B. “3 p.m. Paradise” (1997), das Debüt von Kwak Kyung-taek. Seine Gesellschaftssatire spielt in einem öffentlichen Badehaus, in dem Koreaner verschiedener Schichten und Berufe zwar ihre Kleidung, aber keineswegs ihr Rollenverhalten ablegen. Oder da ist beispielsweise “Der Tag, an dem ein Schwein in den Brunnen fiel” (1996), ein sehr bemerkenswerter Film über das Lebensgefühl der Südkoreaner Ende der neunziger Jahre. Die Figuren des Films repräsentieren verschiedene Typen der koreanischen Gesellschaft, welche ihre sozial unruhigen Zeiten überstanden haben und sich nun in ihrer tödlichen Routine von einem Tag zum nächsten schleppen. Nicht auf eine Figur konzentriert, verläuft der Film auf vier verschiedenen, jedoch miteinander verbundenen Erzählebenen. Ähnlich einer soziologischen Studie vermittelt er ein sehr treffendes Bild über die Lebensart und das Stadtbild des heutigen Seouls.
Durch die Demokratisierung der politischen Strukturen Koreas entfaltete sich das Kino letztendlich in seiner vollen Dimension. Es trat einen internationalen Siegeszug an, der bis heute andauert. Für alle Filme kennzeichnend ist sowohl die künstlerische Verfeinerung und Vielschichtigkeit als auch ihre poetische Dichte, ihr Hang zur Phantastik, zum Märchen und zur Allegorie. Auf der anderen Seite werden soziale Missstände angeprangert. Gewalt, Rücksichtslosigkeit und Repression werden problematisiert. Mit Hilfe dieser filmischen Vielfalt entstand und entsteht in den koreanischen Filmen das Bild eines neuen Kontinents mit eigener Geschichte und eigenen kulturellen Traditionen, mit speziellen Mythen und Obsessionen. In Zukunft wird noch stärker mit dem südkoreanischen Kino zu rechnen sein. Auch wenn sich wie bekannt Geschmack und Vorlieben für bestimmte Genres sehr differenzieren wird Südkorea weiter für Aufsehen sorgen. Rund zwei Dutzend der insgesamt 73 neu fertig gestellten Spielfilme 2004 sind Erstlingswerke neuer Regisseure. Was für eine Quote, das macht Lust auf mehr Film. Anders gesagt, Achtung auf Südkorea! Dieses Land, welches filmisch nicht in eine Schublade zu stecken ist, wird weiter stark kommen und sicher für jeden einen passenden Film dabeihaben.

text: nadine jügling

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