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low-budget magazin
01.10.2005

Quintessenz eines Kinojahres

“Why Warhol Matters”, warum es eine 10-stündige Filmvorführung gibt. Womit die Viennale von 14. bis 26. Oktober begeistert.

“Ginge es darum, den Anspruch der Viennale zu formulieren, so wäre das Festival der Versuch”, so Direktor Hans Hurch, “jene Bilder und Töne zu zeigen und zu Gehör zu bringen, die unabhängig vom allgemeinen Betrieb, von medialen Strategien und äußerlichen Interessen existieren und Gewicht haben. Ein wenig mehr Gewicht, Schönheit und Notwendigkeit vielleicht als andere. Einen Moment von Eigenem und Essentiellem.” – Nicht nur Hans Hurch gefällt die Vorstellung, dass die Viennale so etwas sein könnte – oder ist – wie das “Essential Cinema” eines flüchtigen Jahres.

Durch ihre späte terminliche Position im Laufe des Kalenderjahres, wie auch in der zeitlichen Reihung der internationalen Filmfestivals ist dieser Gedanke gar nicht so abwegig, die Viennale als die Quintessenz eines Filmjahres zu bezeichnen; eine Art Pool, in dem die herausragendsten Filmproduktionen des vergangenen Jahres zusammengetragen werden. – Festivallieblinge gleichermaßen wie Gustostückchen, die noch keine breite Öffentlichkeit erreicht haben.

Festivals “sind so spannend, lebendig, sinnhaft und überzeugend wie die einzelnen Filme, die sie präsentieren”, findet der Festivaldirektor, der heuer ein besonders vielseitiges Programm präsentieren kann.

Auf den zweiten Teil der von Lars von Trier mit “Dogville” begonnenen Trilogie darf man sich beispielsweise im Hauptprogramm freuen: “Manderlay” arbeitet wie sein Vorgänger mit minimalistischem Dekor. Auch Gus Van Sant bleibt seinen Stilmitteln treu, wenn er einen Rockstar, zu dem ihn unübersehbar Kurt Cobain inspiriert hat, durch seine letzten Tage begleitet. Wie etwa in “Elephant” geht es in “Last Days” weniger um eine inhaltliche Achterbahnfahrt, als mehr darum, Atmosphäre aufzubauen – und zwar aus verschiedenen Perspektiven. Reduzierte Stilmittel verwendet auch Ira Sachs mit “Forty Shades of Blue”: Im Zentrum des Interesses stehen die Figuren und die Geschichte, die diese verbindet; und nicht technische Spielereien. Unter den rund 100 Spiel- und Dokumentarfilmen, die das Hauptprogramm ausmachen, befinden sich auch rund ein Duzend heimische Produktionen wie Michael Glawoggers neuer Dokumentarfilm “Workingman’s Death”.

Theoretisch sollte auch “Ebolyson ng Isang Pamilyang Pilipino” im Hauptfilmprogramm laufen, da die Familienchronik ein beliebter Gesprächsstoff im aktuellen Festivaljahr ist: Ein französischer Kritiker schrieb gar, man werde in diesem Jahr Filmfestivals danach beurteilen können, ob sie das Wagnis eingehen, den Film von Lav Diaz zu zeigen. Die Viennale wagt es, macht aus dem kinematographischen Grenzerlebnis allerdings gleich ein Special Event: Ganze zehn Stunden dauert das Werk nämlich. Gezeigt wird es im Rahmen einer Sondervorstellung einen ganzen Kinotag lang bei freiem Eintritt.

Ähnlich viel Sitzfleisch fordert Andy Warhol mitunter von seinem Publikum. “Sleep” (1963) etwa ist ein stummes, sechsstündiges Werk in Schwarz-Weiß, das nichts als einen schlafenden Mann zeigt.
“In meinen ersten Filmen,” so Warhol später, “erscheint nur ein einziger Schauspieler auf der Leinwand, der stundenlang ein und dasselbe macht: essen, schlafen oder rauchen. Ich beschränkte mich auf diesen einen Darsteller, weil die Leute in der Regel ausschließlich ins Kino gehen, um den Star zu betrachten, was auch immer er tun mochte, und ihn nach Herzenslust mit den Augen zu verschlingen.” – Von 1.-31. Oktober werden Warhols Experimente mit dem Genre Film bis hin zum quasi-professionellen Musikfilm “The Chelsea Girls” im Rahmen der Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum vorgeführt; es ist die bislang umfassendste Präsentation seines Filmwerkes: Mehr als 30 der zentralen Arbeiten, sowie mehrere Stunden der legendären “Screentests” (Portraits bekannter und unbekannter Personen) stehen auf dem Programm. Die Auswahl traf der amerikanische Filmemacher und Autor Jonas Mekas, ein langjähriger Freund Warhols, zeitweise sein Mitarbeiter und profunden Kenner der Filme Warhols.
Darüber hinaus ist die im letzten Jahr begonnene Reihe “Working Class” Andy Warhol gewidmet. Unter dem Titel “Why Warhol Matters” wird seine Filmarbeit im Rahmen von Lectures, Gesprächen und Interventionen diskutiert. – Teilnehmer sind etwa Regisseure wie Romuald Karmakar oder Gerard Malanga, Darsteller in Warhols Filmen, Christoph Schlingensief und Filmschau-Kurator Jonas Mekas.

Einem weiteren radikalen und eigenwilligen Filmemachern ist ein Special Program gewidmet: dem Portugiesen Pedro Costa, dessen ästhetisches und politisches “work in progress” fokussiert wird. In der Filmstadt Paris beschäftigt sich die Viennale mit einer zarten, androgynen Frau mit gebrochenem Französisch und subtil zur Schau getragener erotischer Ausstrahlung: Die Vielseitigkeit von Jane Birkin wird in rund einem Dutzend ausgewählter Filme aufgezeigt.
Ins Shanghai der späten 20er- und frühen 30er-Jahre führt die Hommage an Ruan Lingyu, eine der wichtigsten weiblichen Filmstars der chinesischen Stummfilmzeit. Die wenigen Filmarbeiten, die nicht als verschollen gelten, sind bei der Viennale zu sehen. Ein weiterer Ausflug führt in ein fantasiertes Buenos Aires: “Buenos Aires dreams itself” versammelt labyrintische Perspektiven und überraschend Ansichten einer Stadt, die es so gar nicht gibt: Ein kinematographischer Stadtplan entsteht so – von Wong Kar-Wai bis Robert Duvall.

Sie kommt viel herum, die Viennale; besucht heuer wieder zahlreiche Orte, Städte, Kontinente. Überall dort, wo cineastische Momente aufblitzen, macht sie Halt. Bei Highlights des vergangenen Jahres, wie auch bei “zeitlosen” Stationen.
Viel Vergnügen beim Zusammenstellen der persönlichen Reise.

Die Viennale auf einen Blick

Die Termine:
Filmliebhaber werden heuer von 14. bis 26. Oktober in den Festivalkinos der Viennale abtauchen.

Tickets:
Ab 1. Oktober, Punkt 10 Uhr beginnt die Jagd auf Festivaltickets. – Entweder im virtuellen Zuhause der Viennalewww.viennale.at -, bei den Vorverkaufsstellen oder telefonisch bei der A1-Ticketline unter 0800/664 005.
Das Festival-Programm ist ab 29. September, 19 Uhr online abrufbar.

Neue Spielstätte:
Zu den gewohnten Festivalkinos der Viennale gesellt sich heuer eine weitere, ebenso zentrale Spielstätte: das Künstlerhauskino (1., Akademiestraße 13).
Die anderen Festivalkinos: Gartenbaukino (1., Parkring 12), Metro (1., Johannesgasse 4), Stadtkino (3., Schwarzenbergplatz 7), Urania (1., Uraniastraße 1). Retrospektive: Filmmuseum (1., Augustinerstraße 1).

Das Plakatsujet:
Wie schon im Vorjahr schmückt heuer eine viele tausend Jahre alte Felszeichnung aus dem Gebiet des heutigen Algerien die Plakatekate und Festivalkataloge. Die beiden tanzenden Frauen versuchen eine “bildhafte Übersetzung der Haltung und des Geistes des Festivals.” – “Die Leichtigkeit des Tanzes, das Verspielte und das Tastende, das Physische und Rituelle kommen unserer kleinen Utopie eines Festivals nahe. Unserer Arbeit des Entdeckens und unserer Freude an einer freien Bewegung.” so Festivaldirektor Hans Hurch.

Retrospektive und “Working Class”:
Von 1.31. Oktober wirkt Andy Warhols Geist im Österreichischen Filmmuseum. Durch das spannende Programm kann man auf www.filmmuseum.at schnuppern. Die im Vorjahr begonnene Reihe “Working Class” ist heuer Andy Warhol gewidmet. Verschiedene Filmemacher, sowie Mitarbeiter von Warhols Filmen werden Lectures unter dem Übertitel “Why Warhol Matters” halten.

Eintritt frei:
Die zehnstündige (!) Familienchronik “Ebolusyon ng Isang Pamilyang Pilipino” von Lav Diaz wird in einer einmaligen Sondervorstellung durchgehend für die Dauer eines Kinotages bei freiem Eintritt präsentiert (Termin steht noch nicht fest).

Tributes, Special Programmes:
Jane Birkin, der ein Tribute gewidmet ist, wird am 17. 10. im Volkstheater ein Konzert geben (Tickets sind u. a. bei ÖTicket erhältlich. Tel.: 01/96 0 96). “Buenos Aires Dreams Itself” entwirft einen kinematographischen Stadtplan. Außerdem präsentiert die Viennale eine Werkschau des portugiesischen Regisseurs Pedro Costa, sowie eine Hommage an den chinesischen Stummfilmstar Ruan Lingyu.

Entscheidungshilfe:
10 Tickets, um die man kämpfen sollte

Childstar / Don McKellar
(Kanada 2004) Starrummel einmal anders.
Forty Shades of Blue/ Ira Sachs
(USA 2004) Eine ruhige, eindringliche Erzählung; die Figuren stehen im Mittelpunkt.
Last Days / Gus Van Sant
(USA 2005) Von Kurt Cobain inspiriert, erzählt Van Sant von den letzten Tagen eines Rockstars.
Manderlay / Lars von Trier
(DK/S/GB/F 2004) Auch in Teil 2 der mit “Dogville” begonnenen Trilogie arbeitet von Trier mit Minimalismus.
Match Point / Woody Allen
(GB 2004) Allen arbeitet in London. Mit Scarlett Johansson vor der Linse.
Me and You and Everyone We Know / Miranda July
(USA 2005) Humorvoll werden eine ganze Reihe an Personen und deren Lebensläufe verwoben.
Moartea Domnului Lazarescu / Cristi Puiu
(RO 2005) “Der Tod des Mr. Lazarescu” heißt der Titel übersetzt, passend zum verwendeten Reality-TV-Stil.
Transamerica / Duncan Tucker
(USA 2005) Eine konservative Transsexuelle begibt sich mit ihrem verlorenen Sohn auf Reisen.
Crossing the Bridge / Fatih Akin
(D 2005) Alex Hacke (Einstürzende Neubauten) erforscht Istanbuls Musikszene.
Following Sean / Ralph Arlyck
(USA 2004) 30 Jahre nach seinem Film über Sean dreht Arlyck eine weitere Dokumentation über ihn.

text: nicole albiez

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