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low-budget magazin
22.09.2005

Return of the Krauts : Hilfe, die Deutschen kommen!

Und, verdammt, jetzt singen sie auch noch!

Hasenheim : Klüger jetzt 2
Sofaplanet : Power to the Poeble
Katze : ...von hinten!

Jahrelang, nein, jahrzehntelang hat sich niemand in diesem Land auch nur ansatzweise getraut, in einer anderen Sprache als Englisch zu singen; die eigene war hauptsächlich dem Schlager-Lager (ha!), Schlager-affinen Ausgeburten der Hölle wie Grönehagen und Westernmeyer und einigen wenigen Indie-Randgruppen (Tocos, Sterne und so, Sie wissen ja) vorbehalten. Aber mit einem Mal kommen sie aus allen Ecken gehüpft, gerockt und gepoppt, mit einem flotten, deutschen Liedchen auf den Lippen. Super, müssen wir im Englischunterricht nicht mehr aufpassen und bleiben zudem noch von kreativen Sprach-Ergüssen (hallo Scooter!), die vermutlich jedem “native speaker” den Magen umdrehen, verschont.
Wobei, Moment mal – jetzt sind wir ja die native speaker und stehen wie hilflose Rehlein im Scheinwerferlicht des deutschsprachigen Rock-LKWs, der keine Anstalten macht, zu bremsen.

Die ersten am Steuer sind Hasenheim, eine (mehr oder weniger) junge Band aus Münster, die mit ihrem Album “Klüger jetzt 2” eine zwar nicht ganz originelle, aber gar nicht so unsympathische Mischung aus Gitarren-Dings und Pop-Folk-Funky-Bums abliefern. Irgendwo in der musikalischen Gegend von Virginia Jetzt! (wobei ich hier in keinster Weise behaupten möchte, Hasenheim hätten von VJ! abgeguckt, den Vergleich führe ich eher auf gemeinsame Vorbilder zurück, die vermutlich bei den üblichen Verdächtigen wie Blumfeld, den Sternen und Tocotronic zu finden sind) klingt diese Band mit dem merkwürdig bis doofen Namen nicht so schlimm, wie erwartet und beim zweiten Hördurchlauf kann man sich sogar mit den Texten anfreunden.
Die sind nämlich zum Glück nicht ganz so sinnentleert und pseudo-abstrakt wie von manch anderen Zeitgenossen, sondern erzählen meistens relativ konkret und unkünstlich von – wie sollte es anders sein – zwischenmenschlichen Begebenheiten und Problemchen (“Schade um die Zeit, die wir hätten haben können…”, “Ich bin heute nicht zufrieden mit mir selbst, ich kann nur hoffen, dass du mich aushältst”). Und wenn man sie in “Tief innen drin” unter der Dusche trällern hört, wird beruhigenderweise klar, dass Hasenheim das alles nicht ganz so ernst meinen. Da lassen wir auch einige sehr gewagte Textpassagen durchgehen: “Tank schon mal den Helikopter, ich muss raus” – äh bitte wie? Meinetwegen. Hasenheim kommen mit einem kleinen Puffer auf die Nase davon, für den blöden Namen. Wer oben genannte Bands immer noch mag und auch hört (1995 ist eben schon zehn Jahre her), kann an Hasenheim auch Gefallen finden.

Als nächstes kommen ein paar alte Bekannte angebraust: Sofaplanet sind zurück. Halleluja, na endlich! Haben wir die drei Berliner nach ihrem (mehr oder weniger) Überhit “liebficken” doch schon vermisst wie… nein, eigentlich haben wir sie gar nicht vermisst. Das hindert sie aber nicht daran, ein weiteres Album mit dem granatenmäßigen Titel “Power to the Poeble” auf den Markt zu werfen, dieses Mal sogar mit einer echt voll positiven Botschaft, wie das Presseinfo verrät. Denn “die anfängliche Melancholie der Stücke löst sich in einen befreienden Optimismus auf”. Aha. Was ganz Neues also (vgl. Tomte, Kettcar, Sarah Connor…). Leider sind die Texte dermaßen flach (“Nein, nein, lass mich nicht allein…” aus dem zweiten Stück “Nichts und Niemand”, oder auch “und ein Blau so tief, dass man fast ertrinkt, trägt uns fort und ist der Grund, dass wir glücklich sind…” aus der unerträglichen Gute-Laune-Hymne “Raus und weg”), dass einem beim Hören gänzlich die Lust vergeht, auf irgendeine positive Botschaft zu warten.
Co-produziert wurde das Album von Tobias Siebert, der mit Delbo und Klez.e zwei wunderbare Bands am Start hat; somit sollte “Power to the Poeble” zumindest musikalisch etwas zu bieten haben. Enttäuschenderweise stechen zwischen plumpen Gitarrensongs mit ein paar kleinen Punk- und Rock’n’Roll-Anleihen nur die letzten zwei Stücke hervor: “Nie zuvor war ich so leer”, das tatsächlich ein wenig an Klez.e erinnert und “Abschaum des Universums”, das am Ende leicht rumspaced wie die frühen Pumpkins und gar nicht mal so schlimm… Moment, waren das Handclaps? Um Himmels Willen. “Wir erkennen unsere Grenzen und wir werden sie überschreiten”, versprechen Sofaplanet in “Nichts und Niemand”. Na danke.

Miau! Noch eine Tierband am Steuer, dürfen die das eigentlich? Katze bekommen für Bandnamen und Album-Aufmachung (Pink! Wunderbares, kreischendes Pink! Mit kleinen Cartoon-Katzen!) zumindest schon vor dem ersten Anhören einen Niedlichkeits-Bonus (und ja, ich BIN weiblich). Dass es diese Band faustdick hinter den Ohren hat, lässt eigentlich nur der Albumtitel ”...von hinten!” erahnen. Tatsächlich, zu stellenweise richtig punkigen 3-Akkord-Schrammelgitarren und leicht dilettantisch wirkendem Glockenspiel (süß!) singt und quietscht Klaus Cornfield so nerdig, wie irgend möglich, von schönen Tagen zum Badengehen (gut) oder Mädchen, die Hip Hop (nicht gut) lieben. Irgendwo dazwischen findet man die Akkorde von “Wunderbaren Jahren” von den Sportfreunden, zu denen Katze “Wir machen Lääärm und schreien dazu!” kreischen und ein Gitarrensolo, das per se das Wort “Solo” erklärt – eine Stelle, bei der die Gitarre allein spielt, nicht mehr und nicht weniger. Minki Warhol, die meistens Keyboard und Glockenspiel bedient, seufzt gern mal melancholisch dazwischen oder löst Cornfield ganz charmant-kieksig am Gesang ab. Leider wirkt die Kluft zwischen süßlicher Musik, naivem Gesang und rotzigen Texten des öfteren zu gewollt ironisch (Gegensätze erzeugen Spannung, haben wir schon in der Schule gelernt) und berechnend provokativ wie Blumenmuster-Kittelschürzen und Vokuhilas an jungen Menschen. Und voller Euphorie “Menschen springen von Hochhäusern” zu trällern, halte ich für keine gute Idee, egal, wie “Ha, das Leben ist gemein, machen wir uns halt drüber lustig” das gemeint ist. “Hey hey, ist doch alles nur Spaß!” würden Katze vermutlich sagen (nein, von Glockenspiel untermalt quietschen), “Hey hey, reißt euch mal zusammen, Zynismus ist auch keine Lösung” würde ich dann antworten. Dann hab ich euch auch wieder lieb, ihr seid ja eigentlich ganz nett.

text: samantha bail

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