magma Logo
low-budget magazin
08.05.2006

Voltaire

augen auf.

Über eine Stadt wie Bonn weiß man im Allgemeinen nicht sonderlich viel – zumindest outet sich der Autor als einer derjenigen. In der ehemaligen Regierungshauptstadt leben heute über 300.000 Menschen. Fünf davon hören auf den Namen Voltaire und machen verdammt gute Musik. Deutsche Musik, falls das in der heutigen Zeit noch nicht zum Schimpfwort verkommen ist – in diesem Fall ist es eine Huldigung.

Voltaire

Namensgeber und Vokalakrobat Roland Meyer de Voltaire schießt sich und seine Mitstreiter katapultartig in den Äther. Er singt, sehnt, seufzt, sinniert, schreit von Flut, Asche, Sonnen, Abschied, Sehnsucht. Schönheit und Verzweiflung lagen selten so nah beieinander. Dieser Mensch hat die Metaphern mit der Muttermilch aufgesaugt. Seine Mannen stehen mit ihm im Sturm und stärken seinen Rücken oder tragen ihn durch Welten in denen jeder schon einmal gewesen ist.

augen zu. zurückspulen.

Der Zufall geht seltsame Wege. Etwas überspitzt und reißerisch ausgedrückt, könnte man sagen: Gesang und Klavier treffen sich auf einer Winterreise. Diese Reise, die natürlich auf Franz Schubert basiert und vor nunmehr fast vier Jahren stattfand, könnte den Grundstein markieren, ist aber nur eine von einigen schicksalhaften Begegnungen. Meyer de Voltaire und Konzertpianist Hedayet Djeddikar treffen sich bei einem klassischen Liederabend. Eine weitere Schicksalsmeldung könnte dann lauten: Gesang trifft Gitarre. Ebenfalls auf einer Reise. Im Zugabteil sitzen sich Meyer de Voltaire und der angehende Jazzgitarrist Marian Menge gegenüber. Rudolf M. Frauenberger, seines Zeichens Bassist und Angehöriger einer Wiener Musikerfamilie, und David Schlechtriemen, dessen Flucht in die weite Welt ihn auch schicksalhaft ans Schlagzeug setzte, komplettieren den Fünfer. Keine gemeinsame Kindheit oder Vergangenheit – der Zufall hat zugeschlagen. Also kann auch diese Klischeeschublade geschlossen bleiben. So unterschiedlich sich die Biografien lesen, so unterschiedlich sind auch die musikalischen Vorlieben der einzelnen Bandmitglieder, die von Jeff Buckley über bekannte britische Bands bis hin zu härteren Klängen reichen. Und genau diese Vielfalt spiegelt sich auch in der Musik von Voltaire wider. Mit gemeinsamem Konsens versteht sich. Und da simples Namedropping schlicht und ergreifend großer Mist ist, klingen Voltaire auch einfach wie Voltaire. Der Zufall hat gesiegt.

augen auf.

Nach der überragenden EP "Flut" erblickt nun zwei Jahre später endlich das Album das Licht der Welt. "Heute ist jeder Tag" heißt es. Und es stimmt. Das hier ist viel zu schön um einfach als leiser Traum zu existieren. Das hier soll explodieren. Wer Voltaire live sehen durfte, weiß, wie sich Gefühlswelten auf der Bühne manifestieren können. Die in Rezensionen allseits beliebten Vergleiche mit anderen Vertretern dieser Gattung Musik würden nur den Eindruck von dieser großartigen Band schmälern. Nur zwei Dinge seien noch gesagt: Erstens: Auch hier hat man wieder eine Band, denen man das Blumfeld-Syndrom (starke Anzeichen von Kitsch in Wort und Musik) vorwerfen könnte, denn auch Meyer de Voltaire leidet gern und ausführlich, aber diese Diskussion wurde schon lange unter "Geschmackssache" in den Keller verbannt. Zweitens: In einer Welt in der die Sportfreunde zu unmelodisch geworden sind und Kettcar für viele Leute, die kein Wörterbuch "Kettcar-Deutsch" haben, teilweise noch zu unverständlich sind (auch hier outet sich der Autor wieder) erfinden Voltaire zwar das Rad nicht neu, aber ihr Wagen läuft wie geschmiert und erreicht Höchstgeschwindigkeiten.

augen zu. anhören.

text: thomas mech
16.09.2005

Teenage Angst mit Anfang 20

Dieser Daniel Decker ist schon ein umtriebiges Kerlchen. Der vermutlich bekannteste Ex-Intro-Praktikant wühlt begeistert in der großen bunten Popmusik-Kiste und zieht sich dabei die schönsten Häppchen raus — so auch das kürzlich erschienene Debüt seiner Band “Pawnshop Orchestra”, in der er die Songs schreibt, singt und mindestens zwanzig Instrumente spielt.

Das Album wurde natürlich nicht auf irgendeinem Label veröffentlicht, nein — neben seinem Online-Fanzine “nillson.de” betreibt Daniel nämlich auch noch ein kleines Label namens “lolila”, auf dem das “Vaudeville” betitelte Debüt erschien. So viel zum Thema Umtriebigkeit.

Die 11 Stücke auf “Vaudeville” sind den Titeln nach zu urteilen alle in deutscher Sprache, was (zumindest mich) ein wenig abschreckt — der allgemeine Trend, einfach alles auf deutsch zu singen, hat in letzter Zeit schon so manchen katastrophalen verbalen Fehltritt hervorgebracht (Beispiele werden an dieser Stelle vermieden). Ein mulmiges Gefühl begleitet das Einlegen der CD in den Player — wird dieser sympathische junge Mann die Klippen der Peinlichkeit gekonnt umschiffen oder voll auf den nächsten Felsen halten? Dann die erleichternde Erkenntnis: Daniel hat im Texter-Segelunterricht gut aufgepasst. Manchmal wird es zwar knapp (wenn er singt “wenn du deine Kleidung ablegst / und ich deine Wunden seh / dann tun mir meine eigenen / gar nicht mehr so weh”), aber dieses Gefühl des peinlich berührt-seins, das einen manchmal bei sehr dummen Antworten in Quizshows die Augen zusammenkneifen lässt, bleibt aus. Eigentlich ist es sogar schön, mal wieder so persönliche Texte zu hören, die ohne großes Trara, Phrasendrescherei und gekünstelte Metaphern die Dinge thematisieren, die einen jungen Menschen Anfang zwanzig so bewegen: (verspätete) Teenage Angst, ein Sack voll Beziehungsprobleme und das Leben im Allgemeinen.

Begleitet von Gitarre (Daniel), Schlagzeug (Florian Dürrmann) und Bass (Andreas van der Wingen) bietet das “Pfandleihaus-Orchester” eine angenehm unmoderne und bodenständige Mischung aus Singer/Songwritertum (erinnert in den ruhigen Momenten manchmal stimmlich — ohne zu hoch greifen zu wollen — an einen leicht schrägen Tom Liwa), Folk und frühen bis mittleren Tocotronic. Dabei wirkt die zweite Hälfte des Albums etwas ausgereifter, sowohl musikalisch als auch textlich. Wo es am Anfang noch holprig und unsicher klingt, entwickeln sich gegen Ende wunderbare kleine Stücke wie “Blumen begreifen”, das mit Glockenspiel aufwartet, das Country-Folk-Pop-lastige “Gebt mir etwas” oder das Titelstück “Vaudeville”, ein angejazztes Instrumental. Man muss sich einfach etwas Zeit nehmen und sich darauf einstellen, mehr über das Innenleben dieses Fremden zu erfahren, als von so manch einem Freund. Aber so charmant, wie Daniel seine Geschichten erzählt, hört man ihm gerne zu.

Die Texte sind über die letzten vier Jahre hinweg entstanden, wobei Daniel das letzte für die Platte geschriebene Stück “Auf unbestimmte Zeit” als Wegweiser für das sieht, was in Zukunft folgen wird: Die neuen Texte seien weniger Ich-bezogen und eher auf einer “Wir-Ebene” zu sehen, “und das meine ich jetzt nicht mal beziehungstechnisch, sondern “Wir” als Gemeinschaft. Die Hälfte des neuen Albums ist schon fertig geschrieben, und einige Stücke spiele ich auch schon live…” sagt er und wühlt mit beiden Händen weiter in der Popmusik-Kiste.

text: samantha bail
28.04.2005

Gegen den versnobten Literaturbetrieb

Anfang diesen Monats erschien ein neues Literaturmagazin: [sic]. Ein Gespräch mit den beiden Herausgebern Daniel Ketteler und Christoph Wenzel über Startschwierigkeiten, Popliteratur, die neu erwachte Lust an der Lyrik und warum Prilblumen noch lange keine gute Literatur hervorbringen.

Wozu braucht man überhaupt Literaturmagazine?

Daniel Ketteler: Man braucht sie natürlich gar nicht. Literatur ist Luxus. Genau wie alles Kulturelle aber ist es zugleich auch ein Grundbedürfnis. Man kann Literatur nicht essen, man kann sie nicht trinken und trotzdem ist sie in gewissem Maße eine Lebensnotwendigkeit.

Christoph Wenzel: Ganz pragmatisch gesehen bietet uns [sic] natürlich ein Forum für den eigenen Geschmack und gleichzeitig eines für neuere Autoren. In diesem Sinne ist [sic] eine Bühne, die Chancen eröffnet.

Aber ihr bietet nicht nur jungen, eher unbekannten Autoren eine Bühne sondern könnt in der ersten Ausgabe gleich auf Texte von Joachim Sartorius, Georg Klein oder auch Jan Wagner zurückgreifen. Durchaus erstaunlich für ein neues Magazin.

CW: Ja, wir waren auch überrascht, wie schnell und unkompliziert das vonstatten ging. Wir haben die Autoren einfach angeschrieben und unser Konzept mitgeschickt. Wir dachten zunächst, ohne bereits eine Ausgabe vorweisen zu können sei die Autorenakquise eher eine schwierige.

DK: Sicherlich spielt da auch mit rein, dass die etablierten Autoren ja auch alle einmal klein angefangen haben. Sie wissen, dass hinter solchen Projekten der idealistische Gedanke schwerer trägt als die kommerziellen Vorteile – von denen wir ohnehin noch nichts spüren.

Und wie waren die ersten Reakionen?

DK: Joachim Sartorius beispielsweise hat uns direkt nach Erscheinen der ersten Ausgabe handschriftlich geschrieben und uns alles Gute gewünscht. Überhaupt bekommen wir enorm viel substantielle Kritik. Wir merken, dass sich die Leser tatsächlich intensiv mit den Texten auseinandersetzen.

CW: ... und dass dabei nicht alles eitel Sonnenschein ist, ist klar…

DK: Ja. Aber das liegt auch in unserer Auswahl begründet. Wir drei (die beiden Herausgeber Christoph und Daniel sowie Gilbert Dietrich, Redakteur aus Berlin, Anm. d. Verf.) haben einen sehr unterschiedlichen Geschmack. Das erzeugt zwar oft Reibungen, aber genau das ist es, was wir wollen. Reibungswärme.

CW: Das Heft soll nicht zu stromlinienförmig werden. Deswegen auch die sehr unterschiedlichen Texte.

Ihr habt einige junge Autoren aufgenommen. Herdis Hagen z.B. ist 1982 geboren. Mir kommt es so vor, als ob im Feuilleton die jungen Autoren per se erstmal mit dem Begriff “Pop” kategorisiert werden. Obwohl der Unterschied zwischen einem Florian Illies hier und einem Rainald Goetz dort kaum größer sein könnte, laufen beide immer noch unter “Popliteratur”.

CW: Ich habe so meine Probleme mit dem Begriff Popliteratur. Wenn das wie bei Illies auf Prilblumen und Nutella als selbstbespiegelnde Generationenwahrnehmungen hinausläuft, hat das für mich nur mehr wenig mit interessanter Literatur zu tun.

DK: Es gibt schon einige gute Sachen, die unter dem Label “Pop” laufen. Nur der Begriff an sich wird oft wahllos verwendet. In gewissem Sinne könnte man auch Paul Auster als Pop bezeichnen. Aber ich glaube [sic] zeigt ganz gut, dass es durchaus junges Schreiben jenseits dieser leeren Begrifflichkeiten gibt. Und das war auch ein Ziel. Ich glaube, wir haben da ein recht feines Gespür, was das Abgleiten der Texte ins rein Selbstbefindliche betrifft. Da sind Grenzen, die wir nicht überschreiten möchten. Und dann muss man halt auch Manuskripte ablehnen können.

Eine Freundin von mir arbeitete im Lektorat eines großen Verlages. Daher kenne ich das Problem der Manuskriptfluten. Dort ist es ganz normal, dass sich eingeschickte Texte stapeln und zum Teil erst Monate später gesichtet werden können. Ich könnte mir vorstellen, dass das bei euch – wenn auch nicht in dem Maße – ähnlich ist.

CW: Ja, das stimmt, es kommt so einiges bei uns an. Leider auch Texte, bei denen wir uns fragen, wie die Autoren auf die Idee kommen, dass wir sie veröffentlichen. Und da geht es nicht mal um die Qualität sondern vielmehr um die Stile.

DK: Das verstehe ich auch nicht. Da scheinen Autoren einfach blind ihre Geschichten rauszuschicken, ohne dass sich vorher mit dem Medium auseinandergesetzt wurde. Aber wir sind natürlich auch keine Literaturpäpste. Nur weil es bei uns nicht abgedruckt wird, heißt das noch lange nicht, dass es schlecht ist, also bitte: Weiterhin Texte schicken!

Wie sieht es mit Vorbildern aus? Seht ihr euch in einer bestimmten Tradition von Literaturmagazinen?

DK: Eigentlich nicht. Wir sind da recht unabhängig. Auch wenn es natürlich Magazine gibt, die in eine ähnliche Kerbe schlagen, EDIT zum Beispiel oder auch BELLATRIST.

CW: Aber wir haben negative Vorbilder! Das war auch so ein Antrieb: Das, was uns an anderen Magazinen störte, besser zu machen. Die Szene ist ja recht überschaubar. Oft dachten wir uns “Ja, super, tolle Texte, aber…” Dann gefiel uns das übergreifende Konzept halt nicht oder auch die Aufmachung, die bei uns ja einen sehr wichtigen Teil des gesamten Hefts einnimmt.

[sic] wurde von Viola Binacchi gestaltet und ist gleichzeitig ihre Diplomarbeit. Wie kam die Zusammenarbeit zustande?

DK: Mit Viola verbindet mich eine Kindergartenfreundschaft. Wir sind in demselben Kaff, tiefste Provinz, aufgewachsen. Vor drei Jahren haben wir zusammen mit Adolphe Lechtenberg (Bildhauer und Autor, Beuys-Schüler, Anm. d. Verf.) in einem kleinen Münchener Verlag ein Buch herausgegeben. Da lag es nahe, weiterhin zusammenzuarbeiten. Zumal Viola mit ebensoviel Herzblut bei der Sache war, wie wir. Ständig kamen neue Vorschläge zur Gestaltung von ihr.

CW: Generell kann man sagen, dass viele Kontakte über Beziehungen aufgebaut wurden. Der ganze Arbeitsprozess ist in weiten Teilen eine Art Familienangelegenheit. Und wir wollen diese Verbindungen auch pflegen und ausbauen. Ziel ist und war die Etablierung eines offenen Netzwerks.

Der ersten Ausgabe liegt auch ein kleines Booklet bei, das Fotoarbeiten von Till van Daalen enthält…

DK: ... ja, darauf sind wir auch sehr stolz. Die Bilder gehören übrigens einer Serie an, die Till demnächst auch im Hamburger Pudel-Klub präsentieren wird.

Wollt ihr solche Gimmicks auch in den kommenden Heften beibehalten?

CW: Auf jeden Fall! Wir wollen uns auf keinen Fall irgendwie limitieren. Was genau da noch kommen wird, wissen wir selber noch nicht, aber das Vernetzen verschiedener Kunststile interessiert uns sehr. Auch unsere Zusammenarbeit mit Jens Heinen (beatsurfers.com), der Visuals zu unseren Lesungen beisteuert, fällt da rein.

DK: Natürlich ist das auch alles eine Kostenfrage. Aber wenn ich denn irgendwann mal in meinem Brotjob Millionen verdienen sollte – ich würde es ohne ein Augenzwinkern in [sic] stecken.

[sic] ist aufgeteilt in drei Bereiche: Lyrik, Prosa und Theorie. Findet Lyrik überhaupt noch sein Publikum?

CW: Naja, wenn man sich anschaut, in welchen Stückzahlen Lyrik heute verkauft wird, ist das schon sehr wenig. Auf der anderen Seite entsteht gerade in den letzten Jahren wieder eine junge Lyrikszene, die sich auch durch Open-Mic- und Poetry-Slam-Sachen repräsentiert. Und solche Bücher wie “Lyrik von Jetzt” oder überhaupt die Lyrikreihe aus dem DuMont-Verlag sind schon erfolgreich.

DK: Auch hier wollen wir wieder Forum sein und eine Bühne bieten. Deswegen auch der hohe Anteil an Gedichten, den wir sogar noch ausbauen wollen. Für mich als Autor sind Gedichte aber immer noch Nebenprodukte im Brecht’schen Sinne. Mein Ziel ist es, dass auch der Kumpel aus’m Pott meine Texte liest und das ist halt eher durch Prosa zu erreichen. Interessant an Lyrik finde ich diesen Widerspruch: Obschon Lyrik immer sehr verdichtend ist, meist kurz und prägnant, eröffnet sie in der Rezeption dann wieder große Räume. Und die Kürze ist nicht nur da von Vorteil. Die erfolgreichsten literarischen Internet-Texte sind immer noch Gedichte.

Ich könnte mir vorstellen, dass der Theorie-Teil der einzige ist, der dem Leser ein gewisses Maß an Identifikation mit eurem Magazin anbietet. Das Konzept ist ja eher etwas, das im Hintergrund mitschwingt und nur bei den sachlichen Texten kann etwas wie direkte Haltung durchschimmern.

CW: Eigentlich auch dort nicht. Zwar würden wir dort keine Texte abdrucken, die völlig unserer Richtung entgegenlaufen. Aber wir wollen schon Streitbares, Sachen, über die vielleicht auch wir uneins sind.

DK: Wir planen, auch diesen Teil auszubauen, essayistischer zu werden, ein breiteres Spektrum zu bedienen, als das bei üblichen germanistischen Arbeiten der Fall ist. Letztlich wollen wir den versnobten Germanisten- und Literaturbetrieb auch ein wenig aufbrechen.

In einigen Arbeiten der ersten Ausgabe, aber auch ganz besonders auf der Lesung mit Adolphe Lechtenberg und Christoph Leisten sind politische Anklänge nicht zu überhören. Wie steht ihr zu politischer Literatur?

CW: Ich kann gut damit leben, solange es nicht ins Tagespolitische reinragt.

DK: Sehe ich auch so. Position zu haben und zu beziehen ist mir wichtig. Misstrauisch werde ich dann nur bei solch einem Umschwingen, wie man das bei Martin Walser und Botho Strauß beobachten kann. Ich könnte mir zum Beispiel einen Text über die Papstwahl gut vorstellen. “Wir sind Papst” – bei so etwas wird mir ganz anders.

CW: Ich glaube auch nicht daran, dass jüngere Autoren sich weniger mit Politik beschäftigen oder diese weniger in ihre Texte einfließt. Vielleicht geschieht das jetzt nur auf andere Weise.

DK: Vielleicht könnte man das, wo wir hin wollen und gleichzeitig unsere Erwartung an politische Literatur als welthaltig bezeichnen. Ein antiquierter Begriff, aber ein treffender.

CW: Ja, Welthaltigkeit... sehr gut.

~

Christoph Wenzel, geboren 1979 in Hamm, lebt in Aachen und promoviert dort über Kafka. Veröffentlichungen von Lyrik, Kurzprosa und Rezensionen in Literaturzeitschriften und Anthologien. “zeit aus der karte”, Rimbaud Verlag, 2005. Verschiedene Jungautoren- und Förderpreise.

Daniel Ketteler, geboren 1978 in Warendorf, studiert Germanistik und Medizin in Aachen und belegt zur Zeit ein Praktisches Jahr im dortigen Klinikum. Magisterarbeit über Benn. Veröffentlichungen von Lyrik und Kurzprosa in Literaturzeitschriften. Zusammen mit Adolphe Lechtenberg: “Atemlos”, München 2002.

[sic] ist für 5 Euro online zu beziehen über www.siconline.de. Buchhandlungen, die [sic] verkaufen, sind dort auch gelistet.

Nicht entgehen lassen sollte man sich die nächsten Lesungen: 30.5. im Hamburger Golden Pudel Klub und 23.6. im Kaffee Burger, Berlin.

text: alexander viess
25.04.2005

clickclickdecker : Kein Arschloch

“Ich bin gar kein Arschloch”, sagt Kevin. Das sagt er schon zum zweiten Mal und es klingt fast so, als ob er es sich selbst einreden müsste. Wieso diese Zweifel? Eigentlich egal, denn was zählt, ist das Bild, das man sich selber macht, und das ist gut.

Wenn Kevin vorne im Bus sitzt und zusammen mit Tobi von Turbostaat lauthals “Oiro” singt oder wenn er von seiner “Frau” spricht, der er unbedingt was von Yo La Tengo aufnehmen will. Oder ganz einfach seine Lieder. Eigentlich kommt Kevin aus Berlin Pankow und durfte mit acht Jahren die damalige DDR verlassen. Mit elf zeigte ihm ein Freund den Anfang von Metallicas “Enter Sandman” und es war geschehen. Im nächsten Kaufhaus wurde die E-Gitarre gekauft und sich über die Jahre selbst unterrichtet.
Dass Kevin dann erstmal zum Hardcore kam, mag man bei seinen heutigen Stücken vielleicht noch an der Rotzigkeit merken und auch an der Art zu singen. Da schimmert die Sozialisation doch immer wieder durch. Aber jeder, der mal in einer Band gespielt hat, kennt die Konflikte, die die scheiß Demokratie mit sich zieht. So auch Kevin, der sich dann Maschinen kaufte: “Die machen, was ich ihnen sage und das auch zu jeder Tageszeit: Das fand ich geil!” Damit hat alles angefangen.

Keine Angst vor… oder die ausgewählten Auswähler

Mein erster Gedanke war ja Virginia Jetzt!, deren Debüt einen ganz ähnlichen Titel trägt. Aber dem ist nicht so, obwohl dieser popkulturelle Link Kevin gar nicht mal so unsympathisch ist. “Aber eigentlich ist der Titel für alles gedacht”, schreibt mir Kevin, nachdem ich vom Albumtitel erfuhr. “Ich habe keine Angst vor der Großstadt, in die ich gezogen bin, vor der Presse, vor wenn es nicht mehr weitergeht…und und und”.
Und nicht mehr weitergehen. Das findet sich nicht nur auf der Platte in Form von Liebesliedern, die das Erlöschen vom Feuer zur Grundlage haben. Nicht mehr weitergehen ist auch immer ein Gefühl, das einen befällt, wenn man ein Album macht. Insbesondere, wenn man selbst noch mehr gibt, als nur Lieder. Doch was heißt hier nur Lieder? Die vierzehn Stücke auf “Ich habe keine Angst vor” sind die besten Stücke aus zwei Jahren. Allesamt aufgenommen auf 8 Spur. Und ausgewählt von Kevin und einem kleinen Kreis der Ausgewählten. Zu dem gehört auch Ulf, der manchmal Schlagzeug bei ihm spielt. Die Auswahl fürs Album hat allerdings Kevins Freundin mit beeinflusst. “Von ihr kam die Idee mit ‘In Altona trank ich mal…’. Den wollte ich eigentlich gar nicht mit drauf nehmen, nun ist er einer der Hits. So kann das gehen.”

Wenn er diesem Kreis seine Lieder präsentiert, sind diese meist schon fertig. Reinreden ist da nicht und auch das macht es immer wieder schwer. Denn Reinreden will jeder bei einer Platte. Das Label, der Vertrieb, der Mischer. Das ist nicht immer leicht. Aber das Gute wird mit den Guten siegen und seit Februar gibt es “Keine Angst vor…” im Laden und des großen Erfolges wegen nun auch via Records & Me auf Vinyl. Im Gatefold. Mit Liebe gemacht, wie so vieles…
Schließlich geht es um Leidenschaft. Sei man nun bei einem Label oder selbst Musiker. “Natürlich ist das ein Hauptthema”, sagt Kevin, “Ich schreibe nicht über Politik oder so…was bleibt mir dann übrig außer Leidenschaft?”

Gutes Handwerk

Wieso clickclickdecker? Eine Frage, die Kevin sicherlich oft hört. So ist die Frage nach dem Namen ja nicht mal nur bei Newcomern sehr beliebt. Früher nannte er sich ja auch noch anders. Zwei Tapes und eine CD veröffentlichte er im Eigenvertrieb unter dem Namen Tom Bola. Und zählt man alle veröffentlichten Songs seit 1999 zusammen, kommt man auf die enorme Zahl von rund 140 Stücken und da ist die mittlerweile aufgelöste Band A No No nicht mal mitgezählt.
Vielleicht liegt das aber auch an der enorm unkomplizierten Art wie Kevin seine Stücke aufnimmt. Alleine in seinem Zimmer. Mit einem 8 Spurgerät. Aus dem Kopf, aus dem Mund, in die Hand, durch das Instrument auf die Spur. Das passt zu Kevins Devise: “Bei mir muss immer alles schnell gehen, ich stehe ziemlich auf First Take. Aus dem Bauch, weißt du…lange an einem Song rumbasteln oder so, liegt mir nicht, weiß nich wieso.”
Und der Name? Der setzt sich aus dem Wedding Present Stück “Click Click” (Zu finden auf “Watusi” 1994) und dem Wort Decker zusammen. Das war irgendwie nett. Und wie ein Interviewer mal bemerkte: “clickclickdecker, das klänge wie Black & Decker, wie gutes Handwerk also.” Find ich gut, kann man so stehen lassen.

(Der Text entstand in einer Koproduktion von magma und Nillson. Danke!)

Links:
clickclickdecker
Meerwert Platten

text: daniel decker
30.01.2005

Delbo : Kleine Galaxien

Eigentlich war das ja alles nicht geplant. Da marschiert man kurz vor Weihnachten zum örtlichen CD-Händler, um sich selbst mit Tonträgern zu beschenken und stößt auf ein kleines grünweißes Digipak mit dem Titel “Delbo – Innen/Außen”. Wirkt sympathisch – gekauft. Zuhause dann die Überraschung: Fernab von Drei-Akkord-Songs und straight aufs Maul-Hymnen erklingt da etwas Neues, Ungewohntes. Nach dem dritten Durchlauf wird dann alles ein wenig klarer, man lernt sich langsam kennen, freundet sich an und irgendwann merkt man, dass man sich in Delbo verliebt hat. Weil sie anders sind, als das, was sich sonst so in der Schublade “deutschsprachige Gitarrenmusik” tummelt, weil sie sich aus vertrackten Rhythmen und versteckten Melodien ihr eigenes kleines Universum zusammenbasteln, das schöner nicht sein könnte.

Sechs Monate später.
Man sitzt auf dem Immergutfestival in einem kleinen bunten Bauwagen und hält Daniel Spindler (Bass, Gesang), Florian Lüning (Schlagzeug, Elektronik) und Tobias Siebert (Gitarre) ein Mikro vor die Nase, um ihnen die Fragen zu stellen, die vielleicht zur Klärung des Rätsels um Delbo beitragen könnten.
Seit 1999 gibt es die Band in dieser Formation, davor spielten Daniel und Florian zusammen bei “Evelyn’s Pørk”, früher war auch Uwe dabei, der ihnen noch “ab und zu Gesellschaft leistet, wenn er etwas Spaß haben will” und es sich zwischen den anderen auf dem Sofa bequem gemacht hat.
Flo: “Er hat’s aus Zeitgründen nicht mehr hinbekommen, wir hatten dann auch dann keinen Bock uns ständig mit ihm rumzuärgern.”
Tobias: “Wir proben halt sechs Mal die Woche und das konnte er nicht mehr erfüllen… acht Stunden am Tag!” Allgemeines Gelächter.

Drei Wochen davor.
Man fährt zur Pop Up Messe in Leipzig. Im Ohr: Delbo. Man rätselt über die Texte, die in Zeiten von Bands wie Tomte, Blumfeld und den repolitisierten Sternen ungewohnt kryptisch wirken, als wolle man die Hörer bewusst im Dunkeln lassen – Delbo liefern ganze Sätze, keine Parolen.
Daniel: “Ja, Absicht ist es schon, aber jetzt nicht, um besonders geheimnisvoll zu wirken, sondern weil … ich persönlich noch keine gute Parole in meinem Leben hingekriegt hab. Es liegt mir einfach mehr auf diese Art und Weise. In den Texten geht es selten um eine konkrete Aussage, sondern eher um einen Moment oder so was, eine kleine Aufnahme. Ich mag Texte lieber, die in mir etwas auslösen – vielleicht etwas Unbestimmtes –, als einen Text, der einem klar vorgibt, wie man ihn zu lesen hat. Die Lieder haben schon alle einen Inhalt, aber für mich ist es nicht notwendig, dass alle daran teilhaben müssen. Ich denke, wenn wir so was wie eine Aussage haben, die vom Hörer entschlüsselt werden kann, dann passiert das eher über die Musik.”
Während schon erwähnte Tomte mit ihrer letzten CD nicht nur die Songtexte, sondern sogar einige Seiten Liner Notes veröffentlichten, findet sich auf der Innenseite des Covers von Delbos aktuellem Album “Innen / Außen” nichts außer einem “Danke”.
Daniel: “Was Texte in CD’s betrifft finde ich das eigentlich auch immer gut, aber auf der anderen Seite gehören Text und Musik einfach zusammen und das wäre ein Ungleichgewicht zugunsten der Texte, wenn die da stehen würden. Prinzipiell kommt auch dazu, dass für uns in der Band die Stimme so einen Instrumentenstatus hat, statt eines Sängers, der da in der Mitte steht und den Fuß auf die Monitorbox stellt. Die Texte sind einfach Teil der Musik und wir sind übereingekommen, dass man sie nicht rauslösen und extra abdrucken sollte, weil es zur Musik gehört… und die ist ja auf der CD drauf.”

_Drei Wochen später
Delbo stehen auf der Bühne des Immergut Festivals und sorgen bei einigen Zuschauern für strahlende Gesichter. Füße auf der Monitorbox sieht man hier wirklich nicht, statt dessen wirkt die Band ungewohnt introvertiert, Daniel und Tobias stehen sich gegenüber, sehen sich an und schließen die Augen.
Daniel: “Bei uns ist das schon immer so gewesen, dass wir einander angucken. Das wurde uns schon oft als Arroganz dem Publikum gegenüber angekreidet, weil wir uns irgendwie ‘einkesseln’, aber…für uns ist es wichtig zu gucken, wie die anderen beiden so… ”
Tobias: ”...rumeiern!”
Daniel: ”...ob die das gut finden gerade oder nicht. Nee, also wirklich, ich find das total wichtig! Ich frag mich immer, wie das bei anderen Bands funktioniert, die ihre Konzerte spielen und nicht einen Blick wechseln.”
Tobias: “Geht gut!”
Florian: “Wir haben uns auch extra vorgenommen für solche Riesenbühnen, dass wir uns näher zusammen stellen. Sonst funktioniert das irgendwie nicht bei uns!”
Uwe: “Die beiden flüstern sich immer totale Sauereien ins Ohr, wenn sie so dicht beieinander stehen.”

Zwei Stunden später.
Bernd Begemann betritt den Bauwagen, den er sich mit den drei Berlinern teilt, und steckt den Kopf durch die Tür. Er murmelt etwas, wirft eine Kusshand in den Raum und verschwindet wieder. Im Hintergrund zeigen Kettcar gerade einigen Tausend Menschen, was es heißt zu schwitzen.
Und die Musik von Delbo? Handgemacht. Gitarre, Schlagzeug, Bass, ein paar Effekte. Dafür verschachtelte Rhythmen, überraschende Wechsel zwischen Laut und Leise, kleine versteckte Melodien, die erst beim genauen Hinhören deutlicher werden. Klingt vielleicht ein wenig verkopft.
Florian: “Man kann nicht sagen, dass wir das bewusst machen. Das ist die Summe aus dem was dabei herauskommt, wenn wir drei uns im Proberaum treffen. Wir denken uns keine verrückten Taktarten aus oder irgendwelche Sachen, die das Ganze sperriger machen. Es passiert einfach so. Das ist nicht so verkopft, wie viele denken, sondern entsteht durchs Zusammenspielen.”
Tobias: “Es gibt bei uns niemanden, der in den Proberaum kommt und eine Idee mitbringt, ein komplettes Lied, sondern wir machen alles zusammen. Wir treffen uns und spielen einfach los. Dann entstehen so verschiedene Teile, die wir zusammenpacken. Oder wir erinnern uns an alte Teile, die wir vor ‘nem halben Jahr gespielt haben und denken ‘Ey Mann, das passt jetzt super da rein’ und probieren etwas rum. Aber wie die Kollegen schon sagen, das ist nichts Vorhergesehenes.” (Uwe und Tobias gröhlen: “Die Kollegen!!”)

Drei Wochen davor.
Delbo spielen auf der Pop Up in Leipzig beim “Aufwärmabend” für das Immergut.
“Sitz ich im Drachen / steht er meist in der Gegend rum…” klingt es aus den Boxen, eine Zeile aus dem Song “Sniffty”.
Lachend versucht Daniel unter eifrigen Zwischenrufen seiner Bandkollegen zu erklären, was es mit diesem Drachen auf sich hat: “Das ist so ein Innen/Außen-Ding…”
Tobias: “Im Drachen, vor dem Drachen…” –
Daniel: “Ein End-Beziehungs-Text, um das mal ganz blöd zu entzaubern.”
Uwe: “Was soll die Scheiße mit dem Drachen! Was soll diese Drachenscheiße?”
Daniel: “Bei den Puhdys, die haben ja auch so ein Lied mit dem Drachen, aber ich glaub da geht es eher um handfeste Sachen…”
Uwe und Flo singen: “Geeeh zu ihr und lass deinen Drachen steigen…”
Tobias: “Das ist ziemlich sexistisch!”
Daniel: “Also das hat damit nichts zu tun…”

Zwei Wochen später.
Eine Nachricht: “Sam, du magst doch Delbo und du fährst ja zum Immergut. Willst du die vielleicht für mich interviewen?”

Links:
www.delbomat.de
www.loobmusik.de

text: samantha bail
01.05.2004

Matthew Dear : Zwischen Rave und Sofaflur

Songhafter Detroit-Techno mit Gesang? Dies beschert uns der neue US-Techno-Darling Matthew Dear auf seinem Debütalbum. Sven Väth nimmt seine Platten bereits länger in seine Sets auf und das ist als außerordentliches Kompliment gemeint.
Ganz aktuell ist das Thema zwar nicht mehr, aber die Euphorie, die im November letzten Jahres mit dem Release von Matthew Dears Debütalbum “Leave Luck To Heaven” aufkam, ist noch so warm, dass wir nicht anders können.

Der Anfang 20jährige Matthew Dear hat sich innerhalb des letzten Jahres zu einem der großen Detroit-Techno-Produzenten entwickelt. Mehrere EPs plus das Debütalbum “Leave Luck To Heaven” haben ihn und sein Heimatlabel Ghostly Records samt dessen Sub-Label Spectral Sound zu den neuen Most-Wanteds gemacht. Dears Vorbilder lassen sich sowohl im Kölner Minimalismus als auch in seiner Heimatstadt finden. Dazu kommt allerdings seine Vorliebe für Popappeal. Gerade sein Album ist kaum mehr trackorientiert. Mit Gesang und mehr als latent spürbaren Songstrukturen, hat Matthew Dear eine sehr frische Definition von Pop und Techno. Zwischen Straightness und Minimalismus ist die Funkyness selten so einnehmend und lebendig hervorgekommen, wie bei seinen Stücken.
Ursprünglich spielte der gebürtige Texaner als Gitarrist in Bands. Als er für sein Studium nach Detroit übersiedelte, kam er mit Techno in Kontakt. Dear war von dem Ausmaß der Technoszenen fasziniert: riesige Veranstaltungen mit hunderten von Menschen, wie man er bislang nur von Mainstreamkonzerten kannte. Danach setzte er sich musikalisch ausschließlich mit Minimal-Techno auseinander, lernte deutsche Labels wie Kompakt oder Perlon zu lieben und brachte schließlich Sam Valenti dazu, dessen lang gehegte Idee eines Labels zu verwirklichen. Ghostly International entstand mit der ersten EP “Hands Up For Detroit” von Matthew Dear. Später folgte mit Spectral Sound ein Sublabel und die stilistische Unterteilung in experimentellere (Ghostly) sowie straighere, technoidere (Spectral) Musik. Matthew Dear selbst ist bei dem mittlerweile weithin renommierten und erfolgreichen Labelverbund im Vertrieb tätig. Die Intention von Ghostly/Spectral und somit auch Matthew Dear ist eine Art Reaktion auf die Reaktion von Europa auf Detroit-Techno. Sprich: Dear ist sich den Wurzeln seiner Wahlheimat bewusst, schaut zudem aber auch darauf, was Europa aus diesem Sound für sich herausgeholt hat. Und so ist sein Album “Leave Luck To Heaven” so etwas wie ein Manifest der Detroit-Köln-Berlin-Tangente. Treibend und doch verspielt. An manchen Stellen wehmütig, fast düster, an anderen unermüdlich und lebensbejahend. Sauber und rotzig zugleich. Matthew Dear verbindet viele Dinge, die vielen Menschen gerade sehr wichtig sind, ohne zwingend darauf aus zu sein. Trotz alledem wirkt er zurückgezogen und ausgeglichen.
In Europa wurde er vor seinem eigentlichen Debütalbum unter dem Pseudonym False zu einem Begriff, doch erst jetzt scheint ein Level erreicht, durch das Matthew Dear in weiten Kreisen als einer der gegenwärtig spannendsten und aktivsten US-Techno-Produzenten wahrgenommen wird. Und das nur zu Recht.

links:
www.ghostly.com

text: jens wollweber
01.05.2004

Great Lake Swimmers

Mit Wasser verbindet man gemeinhin Ruhe und Reinheit. Wenn sich jemand musikalisch aufmacht, die Großen Seen an der Grenze zwischen Kanada und Amerika zu durchschwimmen, lässt dies auf großen Mut und seelischen Tiefgang schließen. Genau so verhält es sich auch bei Songwriter Tony Dekker.

Der Name “Great Lake Swimmers” bezieht sich, wie schon angedeutet, auf die Großen Seen Lake Erie, Lake Ontario und Lake Huron, wo Tony aufwuchs. Als Kind schwamm er dort tatsächlich und er meint, dass der Bandname auch eine kleine Ehrerbietung an die Marathonschwimmer ist, die durch diese Seen geschwommen sind.
Inzwischen lebt Tony in Toronto, solange er nicht auf Tour ist und schlägt sich wie so mancher Musiker mit Gelegenheitsjobs durch. Vor einer ganzen Weile arbeitete er u.a. bei einer Filmgesellschaft und besuchte eine Kunstschule, bevor er sich ganz der Musik widmete. “Ich hatte auch kurz überlegt, ob ich nicht vielleicht Buchautor werden oder etwas Visuelles machen sollte, aber eigentlich ist es ja alles dasselbe. Alle Kunst kommt vom selben spirituellen Ort, erzählt er und spricht damit wohl so etwas wie die Künstlerseele an, die den meisten ambitionierten Musikern innewohnt. “Ich verwende Akkorde und Melodien, mit denen ich am leichtesten meinen Standpunkt klarmachen kann. Musik ist in meinen Augen ein sehr direkter Weg, sich auszudrücken.”
Ganz nackt und verletzlich klingen seine Songs, aber nicht ohne eine gewisse Wärme zu verströmen. “Meine Songs sind für mich zu einer warmen und schützenden Kleidung geworden,” bringt es Tony auf den Punkt. Man gewinnt den Eindruck eines nächtlichen Rendezvous an einem See. Eine Brise weht das Grillenzirpen herüber (man hört es tatsächlich auf dem Album) und man lässt sich sanft ins kühle Wasser gleiten. Tony Dekker sitzt am Rand und klimpert gedankenversunken, aber bedächtig seine Akkorde zum Flackern des Lagerfeuers. Überhaupt strahlt das Debütalbum des 28-jährigen eine seltene Unvermitteltheit aus. Als ob er wirklich neben einem säße, klingt es so sachte aus den Lautsprechern, dass man das Rauschen des mitlaufenden Aufnahmegeräts hört. Gerne wird berichtet, wie das Album durch die Wahl eines Getreidesilos als Location seinen besonderen Sound erhielt und wie Tony auf Grillen-”Jagd” ging.
All das würde allerdings nicht seine Wirkung entfalten ohne die Songwriter-Qualitäten des jungen Kanadiers. Man muss schon tief in die Vokabelkiste greifen, um die aufs Wesentliche reduzierten Songs einzuordnen. Es sind Oden an die Einsamkeit und doch nur ein kleiner Ausschnitt aus einem umfangreichen Epos. “Sie sind Teil eines größeren Werks. Ich habe aber dann genau diese Songs für das Album ausgewählt, weil sie sich thematisch ähnelten, so dass eine Verbindung untereinander besteht. Es sind einsame Songs, mit denen ich hoffe, jenen eine Freude zu machen, die sich alleine fühlen. Sie geben wahrscheinlich einen guten Soundtrack der Einsamkeit ab, funktionieren aber auch für eine besonders enge Freundschaft.” Was macht für ihn eine solche Beziehung aus? “In meinem Freundeskreis gibt es vor allem Menschen, die gute Geschichten erzählen können,” antwortet er auf die Frage, ob er besser mit Männern oder Frauen kann. Auch wenn seine Musik es vermuten ließe, scheint Tony kein einsamer Mensch zu sein. Das Ein-Mann-Projekt ist auch auf der Bühne geselliger geworden: “In Toronto habe ich eine komplette Band mit einer Lap-Steel-Gitarre, Akkordeon, Banjo und Schlagzeug usw. Aber eigentlich ist die Zusammensetzung bei jedem Auftritt anders, je nach dem, wer gerade dabei ist. Wir sind eine Art musikalisches Kollektiv mit mir an der Spitze und manchmal gibt es mich auch als Solist. Obwohl ich eine tolle Backing-Band habe, mag ich es, dass die Songs auch alleine – nur mit mir und meiner Gitarre – funktionieren. Darauf basiert das ganze ja schließlich und die Songs sind so stark, dass sie auch so wirken.”

aktuelle platte:
great lake swimmers | dto. (fargo / rough trade)

links:
www.greatlakeswimmers.com * www.weewerk.com * www.fargorecords.com

bilder:
www.greatlakeswimmers.com (bearbeitung: manuel schülke)

text: manuel schülke

Alle Texte

#9 // Auszeit // Auweia! // Leander : Termine // Maximilian Hecker : Termine // Captain Planet : Termine // Iskra : Termine // Seidenmatt : Termine // Pawnshop Orchestra : Termine // Maria Taylor : Termine // Au Revoir Simone : Termine // Bernd Begemann : Termine // Atomic : Termine // Monta : Termine // Pale : Termine // Blumfeld : Termine // Stand-by // The Album Leaf : Termine // Goldrush : Termine // Finn. : Termine // Jupiter Jones : Termine // Impressum // neues 08|05|2006 // Voltaire // Neues 22|04|2006 // neues 16|04|2006 // neues 10|04|2006 // The Spells vs. Rocket Uppercut : Split 7" // manuel // Geht... geht nicht... geht... // Action Action : An Army Of Shapes Between Wars // neues 07|03|2006 // neues 05|03|2006 // Joker was here! // neues 18|02|06 // neues 16|02|06 // neues 10|02|06 // neues 04|02|06 // Neues 30|01|06 // Neues 27|01|06 // Neues 23|01|06 // The Ashes Of Creation : First Breath After Coma // Sam // The Go-Betweens : That Striped Sunlight Sound (DVD) // Neues 20|01|06 // Les Mercredis : Lächeln kostet extra // magma ~ chat // Jackson and his Computer Band : Smash // neues 16|12|05 // Vergangenheit lebt // Oscar Wilde als Staubfänger // neues 13|12|05 // Eine kurze Geschichte zum Kino Südkoreas // John Irving und die "Stadt, in der Marc Aurel starb" // (Strich-)Punkte // neues 01|12|05 // Kant, Wurst und Sterne // neues 30|11|05 // neues 15|11|05 // Legende - Die Geschichte eines Helden // Daniel // neues 01|11|05 // neues 26|10|05 // Fanzine-Treffen 2005 // Der Tod, das Mädchen und das Comic // Neues 11|10|05 // Neues 05|10|05 // Endearment : We Are The Factory // Zwei, die sich (be)kriegen // Quintessenz eines Kinojahres // Neues 28|09|05 // Bloß kein Eskapismus // Last Exit Montana // Return of the Krauts : Hilfe, die Deutschen kommen! // magma frisch frisiert... // Teenage Angst mit Anfang 20 // Rotkäppchen revisited // Verliebte Narren // magma ist umgezogen!! // The Royal We : A New Sunrise // Taking Back Sunday : Where You Want To Be // V.A. - There Is A Light That Never Goes Out // Great Lake Swimmers : Bodies and Minds // Das Unheil, das aus dem Ausland kam // Verqueeres zum Thema Geschlechter // Pfandhaus-Teaser : Auf unbestimmte Zeit // Liebe statt Lithium // Mächtig auf Touren... // Bosnische Julia trifft serbischen Romeo // (Pop Up Protokoll : Tag 3 // (Pop Up Protokoll : Tag 2 // (Pop Up Protokoll : Tag 1 // Körperwelten // Neue Texte im April // Gegen den versnobten Literaturbetrieb // clickclickdecker : Kein Arschloch // Feverdream : Freeze! (EP) // Rise and Fall : Hellmouth // Zuhause : Dinge an ihrem Platz // The Faint : Wet From Birth // Gem : Tell Me What's New // Traurig, aber wahr... // Starmarket : Abandon Time // Squarewell : Two Toy Model // Kettcar : Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen // Bizibox : Never Catch Us Downtown // Hackerangriff überstanden // Unglaublich! // Der Kosmopolit // Info // Links // mediadaten // was lange währt, ... // Delbo : Kleine Galaxien // Haftungsschluss // Disclaimer // Corduroy Utd. : Oh Eira // The Five Obstructions // Cyne : Growing (EP) // Superskank : s/t // Sheer Terror : Love Songs for the Unloved // Wissmut : Sonne und Mond // V.A. : Berlin Digital (DVD) // OMR : Side Effects // Von Spar : Die uneingeschränkte Freiheit der privaten Initiative // Mediengruppe Telekommander : Die ganze Kraft einer Kultur // Miss Kittin : I Com // Sex In Dallas : Around The War // Queen Of Japan : Foreign Politics // Der Schwimmer : Perfect Sunday // Lion's Den 63 : Tricky Turf // Chloe : I Hate Dancing // mt. fern : s/t // Le Charmant Rouge : Post No Bill // Cobra Killer : 76/77 // Der Tante Renate : Schecter // Mondomarc : SauRa // From Monument To Masses : The Impossible Leap in 100 Simple Steps // Plemo : Yeah // Like A Stuntman : Park The Trailer In The Park // Jimi Tenor : Beyond The Stars // Maritime : Glass Floor // Girls in Hawaii : From here to there // Matthew Dear : Zwischen Rave und Sofaflur // Great Lake Swimmers // Lebensentwürfe einer gelungenen Trilogie // Werner Köhler : Cookys //
© 2002-2005 magma | cms: textpattern.com