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low-budget magazin
20.01.2006

The Go-Betweens : That Striped Sunlight Sound (DVD)

2006 – Die Musik-DVD hat endgültig ihren Siegeszug in heimische Player und CD-Regale gehalten. Jede Band, die mindestens einmal live auf der Bühne stand und/oder was zu erzählen hat, was der Welt nicht entgehen darf, veröffentlicht entsprechendes auf der beliebten Silberscheibe. “Wir wollten nicht die einzigen sein, die keine DVD rausbringen”, so oder so ähnlich (versteh mal einer diesen Dialekt!) erklärt Robert Forster das Vorhaben der Go-Betweens, als er das Publikum vor der Bühne freundlich auf die filmenden Kameras hinweist.

Aufgenommen im August 2005 in der Go-Betweens “Homebase” Brisbane in Australien (Forster: “Wir hätten das auch woanders aufnehmen können, aber das hier ist der einzige Ort, an dem wir es machen wollen”) bietet die DVD 16 Livesongs aus allen Epochen der (immerhin fast 30jährigen – mit einigen Jahren “Intermission”) Karriere der Go-Betweens. Da ein einzelnes Konzert auf Scheibe natürlich ein wenig unspektakulär wäre, finden sich neben nicht erwähnenswerten “Special Features”, die nur aus einer sehr kurzen Befragung von Fans der Band bestehen (“Where did you fall in love with the Go-Betweens?”) und das “S” in “Features” eigentlich nicht rechtfertigen können, noch “The Acoustic Stories”. Dort wird die schöne Idee umgesetzt, die zwei Köpfe der Band (Robert Forster eben und Grant McLennan) im Wohnzimmer sitzend und mit zwei Gitarren bewaffnet die Geschichte der Band von Anfang an zu erzählen und diese immer wieder mit Songs aus der jeweiligen Zeit zu unterbrechen – Acoustic Stories eben. Einziges Manko: Deutsche Untertitel lassen sich leider nirgends finden und so wird es zuweilen etwas schwierig, den beiden zu folgen – daran hätte man vielleicht denken können. Für Fans der Band sicher trotzdem sehr interessant und vor allem durch die wunderbaren Akustiksongs sehens- und hörenswert.

Zurück im hübsch gestalteten Menü, dessen Begleitsound aus einem unerfindlichen Grund doppelt so laut wie die eigentlichen Songs geraten ist, kann man sich das komplette Livekonzert ansehen oder auch einzelne Stücke auswählen. Die Konzertaufnahmen an sich sind sehr schön gehalten, mit kurzer Bandvorstellung vor Beginn (hier erfährt man z.B., dass Grants Lieblingswort “wave” ist und Bassistin Adele Pickvance gern mal ein Broadway Musical schreiben würde), angenehm un-nervöser Kameraführung und gutem Sound. Wahnsinnige Spannung kann bei der ruhigen gitarrenpoppigen Musik der Go-Betweens natürlich nicht aufkommen, einzig bei der Zugabe “Karen” fängt sogar das sonst recht steife Publikum an zu hüpfen. So eignet sich das Konzert wohl eher für große Fans der Band zum aufmerksamen Ansehen, alle anderen könnten sich etwas langweilen. Für einen gemütlichen Abend stellt diese DVD aber sicher die ideale Begleitung dar, allein schon aufgrund der Musik, die sich im Übrigen auch auf einer beigelegten Live-CD (leider ohne die Akustiksongs) wieder findet. Na, wenn das nichts ist!

(Tuition)

text: samantha bail
16.12.2005

Vergangenheit lebt

Ein Schauspieler gibt sein Regiedebüt – und schafft mit der Verfilmung eines Debütromans ein bewegendes Roadmovie: “Alles ist erleuchtet”.

Er ist ein leidenschaftlicher Sammler. Ketten, Spielzeuge, falsche Gebisse stellt er in seinem persönlichen “Museum” aus: Die Wände seines Zuhauses sind gepflastert mit fragmentarischen Erinnerungen an seine Verwandten. Jonathan (Elijah Wood) lebt die Vergangenheit seiner Familie. Auf diese Art reist er sogar: Der junge Amerikaner nimmt die Spur zu einer Frau in der Ukraine auf, die während des Zweiten Weltkriegs seinem jüdischen Großvater das Leben gerettet hat. Es ist nicht nur eine Reise in die Vergangenheit, sondern auch zu überraschenden Offenbarungen. Liev Schreiber gibt mit diesem ungewöhnlichen Roadmovie sein Regiedebüt. Dass es voller Herzblut steckt, scheint durch. Um Liebe geht es, um Freundschaft und unsichtbare Verbindungen zwischen scheinbar gegensätzlichen Personen. Die Geschichte basiert auf Jonathan Safran Foers Kurzgeschichte “A Very Rigid Search” und seinem Romandebüt “Alles ist erleuchtet”. Die Adaption, für die sich aufgrund angeblicher Unverfilmbarkeit lange kein Produzent finden ließ, ist ein bewegendes Porträt mit eindrucksvoller Bildsprache geworden, das die Figuren in den Mittelpunkt stellt und erfüllt ist von natürlichem Humor. Dass er Elijah Wood für seine Low Budget-Produktion gewinnen konnte, überraschte Schreiber sehr. Doch Wood, der von seinem “Herr der Ringe”-Image “ablenken” wollte, hatte ausschlaggebende Gründe: er bezeichnet das Drehbuch als “einzigartig und visionär”, “fantasievoll und von lyrischer Schönheit”. Es ist erleuchtet, sozusagen.

Alles ist erleuchtet – Everything is Illuminated
USA 2005
Regie: Liev Schreiber
Nach dem Roman von Jonathan Safran Foer
Mit Elijah Wood, Eugene Hutz, Boris Leskin
Verleih: Warner Independent Pictures
106 Minuten

text: nicole albiez
16.12.2005

Oscar Wilde als Staubfänger

Irrungen und Wirrungen drohen Meg Windermeres Ehe zu zerstören. Die Fehlbesetzung tut das Ihre dazu.

Es ist die Feier zu ihrem 21. Geburtstag, und die Ereignisse überschlagen sich, die Gerüchteküche brodelt: Meg Windermere (eigentlich immer auf die Etiquette bedacht) möchte ihren Mann verlassen und in Lord Darlingtons Arme fliehen (seinerseits als Playboy verschrien) – und das in einem nicht ganz sittsamen Kleid. Schuld daran: Mrs. Erlynne (Helen Hunt), die sich gern von reichen Männern aushalten lässt, so auch von Megs Gatten. In diesem Sommer in Amalfi hat die Femme Fatale einiges durcheinander gebracht. Und muss durch eine Lüge wieder Ordnung in die amerikanische High Society bringen. – Es ist eine malerische italienische Küste der Dreißigerjahren, auf der bunte Sommerkleider und hübsche Kopfbedeckungen spazieren getragen werden. 93 Minuten lang versucht Mike Barker mit seiner leicht modernisierten Adaption von Oscar Wildes Stück “Lady Windermeres Fächer” zu unterhalten, streckenweise vermögen die Irrungen durch ihre Vorhersehbarkeit jedoch höchstens zu langweilen. Selbst die erlesenen Spitzfindigkeiten über Geschlechterrollen und Moral erschöpfen sich. Die Ausstattung mag perfekt sein, und auch Helen Hunt bewegt sich charmant durchs entworfene Ambiente; was die weich gezeichnete Gesellschaftssatire jedoch nicht interessiert: eine passende Meg Windermere zu finden. Die naive Ehefrau, in deren Haut Scarlett Johansson schlüpfen soll, will ihr nicht passen. – Der verwegene Frauentyp in Woody Allens neuem Film “Match Point” hingegen schon. Doch das ist eine andere Geschichte…

A Good Woman – Ein Sommer in Amalfi
E/I/USA 2004
Regie: Mike Barker
Mit Helen Hunt, Scarlett Johansson, Tom Wilkinson
Verleih: Constantin Film
93 Minuten

text: nicole albiez
15.12.2005

Eine kurze Geschichte zum Kino Südkoreas

Das südkoreanische Kino, von Derek Elley 1997 als vergrabener Schatz Ostasiens beschrieben, ist längst weltweit bekannt geworden. In Ostasien hat es sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu einer der dynamischsten und wirtschaftlich wachstumsstärksten Branchen entwickelt. Auf vielen internationalen Filmfestspielen liegt der Fokus auf Südkorea und in Deutschland sind Filmemacher wie Kim Ki-duk oder Park Chan-wook keine Unbekannten mehr.

Für “Samaria” erhielt Kim 2004 auf der Berlinale den Regiepreis, Park für “Old Boy” in Cannes den Publikumspreis. Kim Ki-duks nachfolgende Filme “Frühling, Sommer, Herbst und Winter… und Frühling”, eine zen-buddhistisch angelegte Parabel über das menschliche Leben und der zuletzt erschienene Film “Bin Jip”, zeigen mit bestechend schönen Bildern eine Welt, die der unseren sehr fremd ist. Es ist Kim gelungen hinter allen uns unterscheidenden kulturellen Differenzen auf ein paar grundlegende Dinge zu weisen, die alle Menschen gleichermaßen betreffen. Faszinierend ist die Wortlosigkeit des Gezeigten, der Verzicht auf das Unwesentliche und das Gefühl, durch dieses Stilelement einen Blick in die Seele des Menschen werfen zu können. Allein in Deutschland zeigte sich Kora dieses Jahr auf der Frankfurter Buchmesse und den Asien-Pazifik-Wochen in Berlin. Im Filmmuseum in Frankfurt am Main war eine (süd)koreanische Filmreihe zu sehen. Weitere südkoreanische Filmreihen wurden unter anderem durch die Freunde der Deutschen Kinemathek e.V. realisiert. Diese wachsende Präsenz und die vielfachen Auszeichnungen koreanischer Filme, die das Interesse wie oben ersichtlich im Ausland weckten und eine stärkere Verbreitung koreanischer Produktionen im Westen förderten, sind jedoch nicht die einzigen Faktoren, die an der Formung und Explosion des koreanischen Kinomarktes beteiligt sind. Die 146-Tage Regel, welche ursprünglich als Opposition gegen die amerikanische Filmindustrie und deren Übermacht gedacht war sowie die finanzielle Unterstützung der koreanischen Automobilindustrie bis zur Wirtschaftskrise Ende der 90er gaben dem koreanischen Film viele neue Impulse und Möglichkeiten.
Stark eingeschränkt durch den politischen Einfluss und die Zwänge der Zensur beginnt die koreanische Filmgeschichte. Ende der 50er Jahre erlebt der Film seine erste Blüte, im Melodram, doch zeigt es sich mit Erinnerungen an Krieg und Terror. Veränderungen und der Wandel im Publikumsgeschmack scheinen erst durch das Heranwachsen einer jüngeren Generation möglich. “Qualitätsfilme”, wie sie vom diktatorischen Staat verlangt werden müssen regimefreundlich mit einer antikommunistischen Tendenz sein. Sie beruhen auf klassischen Vorlagen und propagieren konfuzianistische Werte. Jedoch nimmt die Zahl der koreanischen Filmproduktionen in den 70er stetig ab. 1980 werden nur noch 91 Filme produziert, die Zahl der Kinobesucher sinkt auf rund 54,5 Millionen (Vergleich:1969, 229 Filmproduktionen und 173 Millionen Kinobesucher). Da in dieser Zeit knapp mit den Filmkosten kalkuliert wird (Drehzeit pro Film 20 Tage, altes technisches Equipment, sehr schlechte Bezahlung), schauen sich die jungen Leute lieber Hochglanzprodukte aus Hollywood anstatt der billigen, mangelhaft produzierten koreanischen Filme an. Am 26. Oktober 1979 wird der Diktator Park von seinem eigenem Geheimdienstchef bei einem Festbankett erschossen. Demonstrationen für mehr Demokratie im Land werden von der Armee blutig niedergeschlagen. Mitte der 80er erzielen ausländische Filmimporte durchschnittlich zwei Drittel der Gesamteinnahmen an den Kinokassen, ein trauriges Ergebnis des profitträchtigen Imports (meist aus Amerika). Durch politischen Druck und der Androhung von Einfuhrzöllen für koreanische Elektronindustrieprodukte in Höhe von 100% erzwingen die Amerikaner 1988 den eigenen Vertrieb ihrer Filme in Südkorea. Vorher lief er über Koreaner in Los Angeles, welche die Filme für Importfirmen in der Heimat einkauften. Dort wurde die Ware schließlich an örtliche Verleiher und Kinobesitzer weiterverkauft. Die nationale Filmindustrie reagiert auf ihre Verdrängung vom Markt mit Sabotageakten. Es werden Giftschlangen in den Kinos ausgesetzt, häufig hängt Tränengas in der Luft. Um die Stimmung zu entschärfen ordnet die Regierung in Seoul an, dass Kinos von nun an 146 Tagen im Jahr koreanische Produktionen zeigen müssen, ein schwerwiegender Beschluss für beide Seiten. Die 90er sind Jahre des politischen Umbruchs sowie des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels. Am 25. Februar 1993 schwört Kim Young-sam seinen Amtseid als Präsident der ersten demokratisch und mehrheitlich gewählten, rein zivilen Regierung Südkoreas seit 32 Jahren. Die Stimmung in der Bevölkerung ist hoffnungsvoll. Die Modernisierung im Land geht stetig voran, ein Wandel zur Konsumgesellschaft findet statt. All diese Entwicklungen werden auch im Kino gespiegelt. Die Filmemacher reflektieren das Zeitgefühl indem sie Themen aus dem modernen Leben problematisieren. Zu sehen sind nun häufiger Generationskonflikte in Familien oder zwischenmenschliche Isolation. Die rasante Modernisierung schließt natürlich auch die Kinotechnik mit ein. Es kommen neue Trendgenres wie Horror oder Fantasy auf. Trotz demokratischer Regierung und allgemeinem Wohlstandswachstum ist die Stimmung in der Filmindustrie jedoch sehr niedergeschlagen. 1993 beträgt der Anteil der einheimischen Produktionen an den Kinokassen nur noch 16 Prozent, den Rest kassiert die Konkurrenz aus Hollywood. Es besteht die Gefahr, dass zu wenige Filme produziert werden, um die Kinos an 146 Tagen mit einheimischen Streifen zu versorgen, wie es von der Regierung vorgeschrieben ist. Um dieses Tief zu überwinden fördert die Regierung 1997 den Bau eines 1,3 Mio. qm großen, fertig gestellten Studiokomplexes nahe Seoul an. Die koreanischen Filmproduktionen fusionieren mit Firmen wie Daewoo, Samsung und CHeil Jedang (CJ). Die übernehmen die Finanzierung und den Vertrieb von südkoreanischen Filmen. Es entstehen Produktionen von herstellungstechnisch hoher Qualität. Daewoo entwickelt sich zur führenden Filmproduktions- und Vertriebsfirma.

Die Filme, welche seitdem entstehen, wirken frisch, kreativ und unaufgetragen. Da ist z.B. “3 p.m. Paradise” (1997), das Debüt von Kwak Kyung-taek. Seine Gesellschaftssatire spielt in einem öffentlichen Badehaus, in dem Koreaner verschiedener Schichten und Berufe zwar ihre Kleidung, aber keineswegs ihr Rollenverhalten ablegen. Oder da ist beispielsweise “Der Tag, an dem ein Schwein in den Brunnen fiel” (1996), ein sehr bemerkenswerter Film über das Lebensgefühl der Südkoreaner Ende der neunziger Jahre. Die Figuren des Films repräsentieren verschiedene Typen der koreanischen Gesellschaft, welche ihre sozial unruhigen Zeiten überstanden haben und sich nun in ihrer tödlichen Routine von einem Tag zum nächsten schleppen. Nicht auf eine Figur konzentriert, verläuft der Film auf vier verschiedenen, jedoch miteinander verbundenen Erzählebenen. Ähnlich einer soziologischen Studie vermittelt er ein sehr treffendes Bild über die Lebensart und das Stadtbild des heutigen Seouls.
Durch die Demokratisierung der politischen Strukturen Koreas entfaltete sich das Kino letztendlich in seiner vollen Dimension. Es trat einen internationalen Siegeszug an, der bis heute andauert. Für alle Filme kennzeichnend ist sowohl die künstlerische Verfeinerung und Vielschichtigkeit als auch ihre poetische Dichte, ihr Hang zur Phantastik, zum Märchen und zur Allegorie. Auf der anderen Seite werden soziale Missstände angeprangert. Gewalt, Rücksichtslosigkeit und Repression werden problematisiert. Mit Hilfe dieser filmischen Vielfalt entstand und entsteht in den koreanischen Filmen das Bild eines neuen Kontinents mit eigener Geschichte und eigenen kulturellen Traditionen, mit speziellen Mythen und Obsessionen. In Zukunft wird noch stärker mit dem südkoreanischen Kino zu rechnen sein. Auch wenn sich wie bekannt Geschmack und Vorlieben für bestimmte Genres sehr differenzieren wird Südkorea weiter für Aufsehen sorgen. Rund zwei Dutzend der insgesamt 73 neu fertig gestellten Spielfilme 2004 sind Erstlingswerke neuer Regisseure. Was für eine Quote, das macht Lust auf mehr Film. Anders gesagt, Achtung auf Südkorea! Dieses Land, welches filmisch nicht in eine Schublade zu stecken ist, wird weiter stark kommen und sicher für jeden einen passenden Film dabeihaben.

text: nadine jügling
02.12.2005

(Strich-)Punkte

Das Unvermögen zu kommunizieren ist das leitgebende Motiv für Miranda Julys Spielfilmdebüt – und Bilderrahmen für originell-skurrile Ideen.

“This is me and this is you and this is everyone we know”, erklärt Peter seinem kleinen Bruder das Schema des Bildes, welches er auf dem Computer gefertigt hat. Die Punkte sind als stehende Menschen zu verstehen, von oben gesehen; die Strichpunkte als stehende Menschen, neben denen Menschen liegen. All die Figuren, die einander in Miranda Julys vielfach Preis gekrönten Spielfilmdebüt begegnen, sind derartige (Strich-)Punkte: sie stehen oder liegen da, für sich allein; “du und ich” heißt es immer wieder, nicht “wir”. Sie straucheln auf der Suche nach Liebe aufeinander zu, kämpfen darum, Beziehungen aufzubauen; schmerzhafte Erfahrungen werden sie dabei mitunter machen, die fein gezeichneten Figuren, die mit klugen Dialogzeilen über unser “kommunikationsloses, isoliertes Zeitalter” reflektieren. Zwei davon lässt Performancekünstlerin July im Internet kollidieren: Sie unterhalten sich, schlagen rasch derbere Töne an. Die Frau beginnt, Sehnsüchte in den scheinbar viel versprechenden Gesprächspartner zu projizieren, um später umso überraschender festzustellen, mit wem sie’s überhaupt zu tun hat: einem Kind (wunderbar: der erst sechsjährige Brandon Ratcliff). Erwachsener als sie sind versuchen sich auch zwei Mädchen zu geben, die es nicht erwarten können, sexuelle Erfahrungen zu machen – um jeden Preis, gerne auch ohne große Gefühle -, während eine andere bereits im Volksschulalter beginnt, ihre Aussteuer zusammen zu kratzen. “Der Film wurde inspiriert von der Sehnsucht, die ich als Kind hatte. Die Sehnsucht nach der Zukunft, nach jemandem, der mich finden würde, nach dem Zauber des Lebens, der über mich kommen und mein Leben verändern sollte.” so July. “Er wurde auch beeinflusst davon, wie sich diese Sehnsucht veränderte als ich erwachsen wurde, ängstlicher, verzogener, aber nicht weniger fantastisch hoffnungsvoll.” – Wagemutige Träumer und noch nicht ganz hoffnungslose Realisten geraten bei July, welche sich neben Drehbuch und Regie auch um die Hauptrolle kümmert, in so manch skurrile und teilweise fragwürdige Begebenheit – und verwandeln sich damit in bleibende Erinnerungen.

Me and You and Everyone We Know
USA 2005
Regie: Miranda July
Mit Miranda July, Brad William Henke, John Hawkes u. a.
Verleih: Stadtkino
90 Minuten
Filmstart: 23.02.2006

text: nicole albiez
09.11.2005

Legende - Die Geschichte eines Helden

Der schüchterne Student Richard wird von zwei Comic-Fans zu einem Experiment überredet: Ein Monat Vorbereitung – dann soll Richard als realer Superheld für Recht und Ordnung sorgen. Wird das Experiment klappen? Und wird Richard auch das Mädchen seiner Träume von seinen Qualitäten überzeugen können? Die Antwort gibt “Legende – Die Geschichte eines Helden” der Grazer Filmgruppe Loom – übrigens der zweite Film der vom deutschen Label Unlimited Dreams herausgebracht wird.

Richard (Stefan Müller) ist Student der technischen Physik. Um sein Studium zu finanzieren, trägt er Pakete aus. Außerdem ist er ein wahrer Loser im Angesicht des Herrn, ein Schüchti, ein Verklemmter und ein Träumer. Und genau auf so jemanden haben die Brüder Theo und Walter (Bernhard und Wolfgang Lukas) gewartet. Die beiden Comic-Freaks wollen ein Experiment starten: Sie wollen aus Richard innerhalb eines Monats einen realen Superhelden machen – und dann mit ihm die Stadt von dem ganzen Gesindel befreien. Anfangs ist Richard nicht so recht überzeugt. Doch dann kommen die wahren Verlockungen des Superhelden-Lebens: Jede Menge Frauen und lukrative Werbeverträge. Wer kann da schon ablehnen? Vor allem, da Richard unglücklich in Luisa (Elisabeth Zissler) – eine Bekannte aus der Videothek – verliebt ist. Die hat erst vor kurzem mit dem schönen Paul (Leopold Keber) Schluss gemacht, was dieser nicht all zu gut verkraftet haben dürfte…

Doch bis Richard ein Superheld werden kann, muss er noch durch eine sehr harte Schule: Rollenstudium der diversen Comichelden-Charaktere, ein Taek Won Do-Kurs im Schnellsiedeverfahren und diverse Kostümproben. Ausgerüstet mit einem coolen Outfit (und blonder Perücke), einer nun mehr tiefen, männlich-herben Stimme, einer Restlicht verstärkenden Nachtsichtsonnenbrille (sic!) und einer schallgedämpften Betäubungspistole geht es ran ans Werk. Und der erste Übeltäter lässt nicht lange auf sich warten. Eine holde Maid wird im winterlichen Park überfallen. Noch etwas unbeholfen, aber unterstützt via Headset von Theo und Walter, schlägt der “Schwarze Ritter” das erste Mal zu. Die Mission wird ein voller Erfolg! Theo, Walter – und nun auch Richard – sehen für die Stadt rosige Zeiten heranbrechen.

Je mehr Fälle er löst, desto selbstsicherer wird Richard in seiner Heldenrolle. Und eines Tages kommt seine ganz persönliche Stunde: Auch Luisa muss vor einem Unhold gerettet werden. Zwischen den beiden funkt es sofort – und Richard beschließt, dem Helden eine Ruhepause zu gönnen und Luisa ganz privat und inkognito zu erobern. Doch Richard und Luisa haben die Rechnung ohne Paul gemacht, der zu drastischen Mitteln greift…

Die Werdung eines Superhelden – schon viele Filme haben dieses Themas bedient: Einer meiner Favoriten dazu ist M. Night Shylamans Film “Unbreakable”, aber auch das aktuellere “Batman Begins” darf man nicht vergessen. Das Besondere an “Legende – Die Geschichte eines Helden” ist aber die Tatsache, dass es ein österreichischer Film ist. Und wer hat schon jemals von österreichischen Superhelden gehört? Der Geschichte von Stefan Müller merkt man an, dass der Regisseur ein Faible für Comics hat.

Doch obwohl der technisch überzeugende Film durchaus seine Highlights hat, irritiert er vor allem durch seine Orientierungslosigkeit. Was soll er sein? Eine Slapstick-Komödie? Ein Drama? Ein Actionfilm? Er ist weder Fisch noch Fleisch – und der Zuschauer sitzt genau zwischen den Stühlen. Das Werk hat seine lichten Momente: Man amüsiert sich köstlich, wenn der ungeschickte und naive Tollpatsch Richard seine ersten Nahkampflektionen lernen muss, oder wenn er sich in ziemlich tuntige Kostüme zwängt. Doch dann kommt die tragische Wende – und dieser Spagat ist deutlich misslungen.

Vom schauspielerischen Niveau bewegt sich das Ganze im mittleren Amateurbereich. Bernhard und Wolfgang Lukas (Theo und Walter) kommen eher hölzern rüber, während Stefan Müller (Richard) hingegen vor allem als gebrochener Held überzeugt. Elisabeth Zissler (Luisa) hat zwar keine herausragende Rolle, dafür spielt sie umso “süßer”. Die Anschlussfehler im Film fallen zwar auf, sind aber nicht so tragisch. Sehenswert wiederum sind einige technische Schnickschnacks, wie der computeranimierte Zug. Sehr viel rettet auch die stimmige Musik des Schweizer Komponisten Matthias Erb (allerdings fand ich das französische Lied für einen Superheldenfilm recht unpassend). Was ich aber so vom Trailer her gehört habe, dürfte Erb sein Meisterwerk in Looms aktuellen Film “Jenseits” abliefern.

Neben dem Hauptfilm finden sich auf dem Silberling diverse Easter Eggs (wobei das Vorwort besonders witzig ist), die Musik von Matthias Erb, Audiokommentare und natürlich die obligaten – aber nicht unbedingt notwendigen – Features “Hinter den Kulissen” bzw. “Verpatzte Szenen”. Die DVD wird übrigens von Unlimited Dreams Media herausgebracht. Wie bereits in einer der vorigen Rezensionen erwähnt, will das deutsche Label von Daniel von Euw vor allem Indie-Produktionen in Spielfilmlänge herausbringen.

Einen Blick sollte man auch auf die Site der Grazer Filmtruppe werfen (empfehlenswert: Die Helden-Parodie “Snake & Rusty”). Momentan arbeiten die Grazer gerade am Mystik-Drama “Jenseits” (http://www.jenseits.at), für den sie neben Theater-Schauspielern auch Größen aus dem österreichischen Kabarett in “ernsten” Rollen unterbringen konnte. So sind z.B. Andreas Vitásek (“Ein fast perfekter Seitensprung”, “Brüder”) und Reinhard Nowak (“Poppitz”, “Komm, süßer Tod”) zu sehen. Schon allein dem Trailer kann man entnehmen, dass es sich um eine der aufwendigsten Indie-Filmproduktionen Österreichs der letzten Jahre handelt. Man darf also gespannt sein.

Legende – Die Geschichte eines Helden
Österreich 2002-2004
Regie/Drehbuch: Stefan Müller
Mit Stefan Müller, Bernhard Lukas, Wolfgang Lukas, Elisabeth Zissler, Leopold Keber u.a.
Produktion: Verein Loom
Vertrieb: Unlimited Dreams Media
80 Minuten

DVD:
€ 12 Euro

Links:
www.loom.at
www.uldmedia.de
www.jenseits.at

Dieser Text entstand in Kooperation mit www.homemoviecorner.com

text: rodja pavlik
01.10.2005

Zwei, die sich (be)kriegen

Laws of Attraction

Vielfach verweist die Screwballkomödie auf ihre großen Vorbilder – Wilder, Hepburn und Tracy -, dumm nur, dass das Tête-à-Tête zwischen Pierce Brosnan und Julianne Moore an diese nie heran reichen kann, wofür in erster Linie die flachen Figuren zu verantworten sind. Zwei erstklassige Scheidungsanwälte (sie: fleißig-bieder, er: chaotisch-charmant) lernen sich kennen und (be)kriegen sich. Im ständigen Schlagabtausch hetzen die beiden durch Verhandlungen, Bettlaken und Irland, wobei auch eifrig mit überholten Klischees gearbeitet wird: Frauen wollen eigentlich nur gerettet werden und landen ohne Mann mit Süßigkeiten vor dem Wetterkanal, lautet eine der reaktionären Botschaften. Die organisierte Anwältin ist dem lässigen Chaoten natürlich ständig unterlegen. Wenn auf einem der zahlreichen Flüge zwischen NYC und Irland darüber hinaus die Dramaturgie verloren geht, weiß man zumindest, dass dieser gescheiterte Versuch, sophisticated comedies zu reanimieren, schnell in Vergessenheit geraten wird.

Laws of Attraction – Was sich liebt verklagt sich
USA 2004
Regie: Peter Howitt
Mit Pierce Brosnan, Julianne Moore, Michael Sheen, Parker Posey, Frances Fisher u. a.
Verleih: Einhorn Film
91 Minuten

text: nicole albiez
01.10.2005

Quintessenz eines Kinojahres

“Why Warhol Matters”, warum es eine 10-stündige Filmvorführung gibt. Womit die Viennale von 14. bis 26. Oktober begeistert.

“Ginge es darum, den Anspruch der Viennale zu formulieren, so wäre das Festival der Versuch”, so Direktor Hans Hurch, “jene Bilder und Töne zu zeigen und zu Gehör zu bringen, die unabhängig vom allgemeinen Betrieb, von medialen Strategien und äußerlichen Interessen existieren und Gewicht haben. Ein wenig mehr Gewicht, Schönheit und Notwendigkeit vielleicht als andere. Einen Moment von Eigenem und Essentiellem.” – Nicht nur Hans Hurch gefällt die Vorstellung, dass die Viennale so etwas sein könnte – oder ist – wie das “Essential Cinema” eines flüchtigen Jahres.

Durch ihre späte terminliche Position im Laufe des Kalenderjahres, wie auch in der zeitlichen Reihung der internationalen Filmfestivals ist dieser Gedanke gar nicht so abwegig, die Viennale als die Quintessenz eines Filmjahres zu bezeichnen; eine Art Pool, in dem die herausragendsten Filmproduktionen des vergangenen Jahres zusammengetragen werden. – Festivallieblinge gleichermaßen wie Gustostückchen, die noch keine breite Öffentlichkeit erreicht haben.

Festivals “sind so spannend, lebendig, sinnhaft und überzeugend wie die einzelnen Filme, die sie präsentieren”, findet der Festivaldirektor, der heuer ein besonders vielseitiges Programm präsentieren kann.

Auf den zweiten Teil der von Lars von Trier mit “Dogville” begonnenen Trilogie darf man sich beispielsweise im Hauptprogramm freuen: “Manderlay” arbeitet wie sein Vorgänger mit minimalistischem Dekor. Auch Gus Van Sant bleibt seinen Stilmitteln treu, wenn er einen Rockstar, zu dem ihn unübersehbar Kurt Cobain inspiriert hat, durch seine letzten Tage begleitet. Wie etwa in “Elephant” geht es in “Last Days” weniger um eine inhaltliche Achterbahnfahrt, als mehr darum, Atmosphäre aufzubauen – und zwar aus verschiedenen Perspektiven. Reduzierte Stilmittel verwendet auch Ira Sachs mit “Forty Shades of Blue”: Im Zentrum des Interesses stehen die Figuren und die Geschichte, die diese verbindet; und nicht technische Spielereien. Unter den rund 100 Spiel- und Dokumentarfilmen, die das Hauptprogramm ausmachen, befinden sich auch rund ein Duzend heimische Produktionen wie Michael Glawoggers neuer Dokumentarfilm “Workingman’s Death”.

Theoretisch sollte auch “Ebolyson ng Isang Pamilyang Pilipino” im Hauptfilmprogramm laufen, da die Familienchronik ein beliebter Gesprächsstoff im aktuellen Festivaljahr ist: Ein französischer Kritiker schrieb gar, man werde in diesem Jahr Filmfestivals danach beurteilen können, ob sie das Wagnis eingehen, den Film von Lav Diaz zu zeigen. Die Viennale wagt es, macht aus dem kinematographischen Grenzerlebnis allerdings gleich ein Special Event: Ganze zehn Stunden dauert das Werk nämlich. Gezeigt wird es im Rahmen einer Sondervorstellung einen ganzen Kinotag lang bei freiem Eintritt.

Ähnlich viel Sitzfleisch fordert Andy Warhol mitunter von seinem Publikum. “Sleep” (1963) etwa ist ein stummes, sechsstündiges Werk in Schwarz-Weiß, das nichts als einen schlafenden Mann zeigt.
“In meinen ersten Filmen,” so Warhol später, “erscheint nur ein einziger Schauspieler auf der Leinwand, der stundenlang ein und dasselbe macht: essen, schlafen oder rauchen. Ich beschränkte mich auf diesen einen Darsteller, weil die Leute in der Regel ausschließlich ins Kino gehen, um den Star zu betrachten, was auch immer er tun mochte, und ihn nach Herzenslust mit den Augen zu verschlingen.” – Von 1.-31. Oktober werden Warhols Experimente mit dem Genre Film bis hin zum quasi-professionellen Musikfilm “The Chelsea Girls” im Rahmen der Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum vorgeführt; es ist die bislang umfassendste Präsentation seines Filmwerkes: Mehr als 30 der zentralen Arbeiten, sowie mehrere Stunden der legendären “Screentests” (Portraits bekannter und unbekannter Personen) stehen auf dem Programm. Die Auswahl traf der amerikanische Filmemacher und Autor Jonas Mekas, ein langjähriger Freund Warhols, zeitweise sein Mitarbeiter und profunden Kenner der Filme Warhols.
Darüber hinaus ist die im letzten Jahr begonnene Reihe “Working Class” Andy Warhol gewidmet. Unter dem Titel “Why Warhol Matters” wird seine Filmarbeit im Rahmen von Lectures, Gesprächen und Interventionen diskutiert. – Teilnehmer sind etwa Regisseure wie Romuald Karmakar oder Gerard Malanga, Darsteller in Warhols Filmen, Christoph Schlingensief und Filmschau-Kurator Jonas Mekas.

Einem weiteren radikalen und eigenwilligen Filmemachern ist ein Special Program gewidmet: dem Portugiesen Pedro Costa, dessen ästhetisches und politisches “work in progress” fokussiert wird. In der Filmstadt Paris beschäftigt sich die Viennale mit einer zarten, androgynen Frau mit gebrochenem Französisch und subtil zur Schau getragener erotischer Ausstrahlung: Die Vielseitigkeit von Jane Birkin wird in rund einem Dutzend ausgewählter Filme aufgezeigt.
Ins Shanghai der späten 20er- und frühen 30er-Jahre führt die Hommage an Ruan Lingyu, eine der wichtigsten weiblichen Filmstars der chinesischen Stummfilmzeit. Die wenigen Filmarbeiten, die nicht als verschollen gelten, sind bei der Viennale zu sehen. Ein weiterer Ausflug führt in ein fantasiertes Buenos Aires: “Buenos Aires dreams itself” versammelt labyrintische Perspektiven und überraschend Ansichten einer Stadt, die es so gar nicht gibt: Ein kinematographischer Stadtplan entsteht so – von Wong Kar-Wai bis Robert Duvall.

Sie kommt viel herum, die Viennale; besucht heuer wieder zahlreiche Orte, Städte, Kontinente. Überall dort, wo cineastische Momente aufblitzen, macht sie Halt. Bei Highlights des vergangenen Jahres, wie auch bei “zeitlosen” Stationen.
Viel Vergnügen beim Zusammenstellen der persönlichen Reise.

Die Viennale auf einen Blick

Die Termine:
Filmliebhaber werden heuer von 14. bis 26. Oktober in den Festivalkinos der Viennale abtauchen.

Tickets:
Ab 1. Oktober, Punkt 10 Uhr beginnt die Jagd auf Festivaltickets. – Entweder im virtuellen Zuhause der Viennalewww.viennale.at -, bei den Vorverkaufsstellen oder telefonisch bei der A1-Ticketline unter 0800/664 005.
Das Festival-Programm ist ab 29. September, 19 Uhr online abrufbar.

Neue Spielstätte:
Zu den gewohnten Festivalkinos der Viennale gesellt sich heuer eine weitere, ebenso zentrale Spielstätte: das Künstlerhauskino (1., Akademiestraße 13).
Die anderen Festivalkinos: Gartenbaukino (1., Parkring 12), Metro (1., Johannesgasse 4), Stadtkino (3., Schwarzenbergplatz 7), Urania (1., Uraniastraße 1). Retrospektive: Filmmuseum (1., Augustinerstraße 1).

Das Plakatsujet:
Wie schon im Vorjahr schmückt heuer eine viele tausend Jahre alte Felszeichnung aus dem Gebiet des heutigen Algerien die Plakatekate und Festivalkataloge. Die beiden tanzenden Frauen versuchen eine “bildhafte Übersetzung der Haltung und des Geistes des Festivals.” – “Die Leichtigkeit des Tanzes, das Verspielte und das Tastende, das Physische und Rituelle kommen unserer kleinen Utopie eines Festivals nahe. Unserer Arbeit des Entdeckens und unserer Freude an einer freien Bewegung.” so Festivaldirektor Hans Hurch.

Retrospektive und “Working Class”:
Von 1.31. Oktober wirkt Andy Warhols Geist im Österreichischen Filmmuseum. Durch das spannende Programm kann man auf www.filmmuseum.at schnuppern. Die im Vorjahr begonnene Reihe “Working Class” ist heuer Andy Warhol gewidmet. Verschiedene Filmemacher, sowie Mitarbeiter von Warhols Filmen werden Lectures unter dem Übertitel “Why Warhol Matters” halten.

Eintritt frei:
Die zehnstündige (!) Familienchronik “Ebolusyon ng Isang Pamilyang Pilipino” von Lav Diaz wird in einer einmaligen Sondervorstellung durchgehend für die Dauer eines Kinotages bei freiem Eintritt präsentiert (Termin steht noch nicht fest).

Tributes, Special Programmes:
Jane Birkin, der ein Tribute gewidmet ist, wird am 17. 10. im Volkstheater ein Konzert geben (Tickets sind u. a. bei ÖTicket erhältlich. Tel.: 01/96 0 96). “Buenos Aires Dreams Itself” entwirft einen kinematographischen Stadtplan. Außerdem präsentiert die Viennale eine Werkschau des portugiesischen Regisseurs Pedro Costa, sowie eine Hommage an den chinesischen Stummfilmstar Ruan Lingyu.

Entscheidungshilfe:
10 Tickets, um die man kämpfen sollte

Childstar / Don McKellar
(Kanada 2004) Starrummel einmal anders.
Forty Shades of Blue/ Ira Sachs
(USA 2004) Eine ruhige, eindringliche Erzählung; die Figuren stehen im Mittelpunkt.
Last Days / Gus Van Sant
(USA 2005) Von Kurt Cobain inspiriert, erzählt Van Sant von den letzten Tagen eines Rockstars.
Manderlay / Lars von Trier
(DK/S/GB/F 2004) Auch in Teil 2 der mit “Dogville” begonnenen Trilogie arbeitet von Trier mit Minimalismus.
Match Point / Woody Allen
(GB 2004) Allen arbeitet in London. Mit Scarlett Johansson vor der Linse.
Me and You and Everyone We Know / Miranda July
(USA 2005) Humorvoll werden eine ganze Reihe an Personen und deren Lebensläufe verwoben.
Moartea Domnului Lazarescu / Cristi Puiu
(RO 2005) “Der Tod des Mr. Lazarescu” heißt der Titel übersetzt, passend zum verwendeten Reality-TV-Stil.
Transamerica / Duncan Tucker
(USA 2005) Eine konservative Transsexuelle begibt sich mit ihrem verlorenen Sohn auf Reisen.
Crossing the Bridge / Fatih Akin
(D 2005) Alex Hacke (Einstürzende Neubauten) erforscht Istanbuls Musikszene.
Following Sean / Ralph Arlyck
(USA 2004) 30 Jahre nach seinem Film über Sean dreht Arlyck eine weitere Dokumentation über ihn.

text: nicole albiez
23.09.2005

Last Exit Montana

Mit “Don’t Come Knocking” übt sich Wim Wenders in Witz und Leichtigkeit. Der Regisseur spricht über sein neues Roadmovie.

Plötzlich ist er weg: Mucksmäuschenstill verlässt der abgehalfterte Western-Star Howard Spence (Sam Shepard) die Dreharbeiten und begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit: Er trifft auf Menschen, die er vor vielen Jahren hinter sich gelassen hat, und auf solche, die seinem jämmerlichen Dasein plötzlich Bedeutung schenken. Das bildgewaltige Roadmovie Don’t Come Knocking überrascht besonders durch ungeahnten Humor und erfrischende Leichtigkeit. – Und wunderbare Darsteller wie Jessica Lange und Sarah Polley. Wim Wenders, gerade 60 geworden und in Locarno für sein Lebenswerk ausgezeichnet, spricht über seinen neuen Film.


“Paris, Texas” liegt zwanzig Jahre zurück. Wie ist es nach so langer Zeit zur erneuten Zusammenarbeit mit Sam Shepard gekommen?

Wim Wenders: Ich habe ihn angerufen. Nicht, dass ich die Nummer verlegt hätte, zwanzig Jahre lang. Nach “Paris, Texas” haben wir zwischen den Tönen abgemacht, dass wir das besser nicht wiederholen sollten. – Weil uns die gemeinsame Arbeit beiden so gut gefallen hat und die Zeit für uns auch eine wichtige war. Und weil Sam schlechte Erfahrungen mit Regisseuren gemacht hatte und ich schlechte Erfahrungen mit Autoren. Unsere Zusammenarbeit war so schön, dass wir sie nicht mehr anrühren wollten. Weil man nur was kaputt machen kann.
Wir haben uns öfters gesehen und immer so getan, als sei nichts gewesen. Bis ich dann doch angerufen und gesagt habe: “Zwanzig Jahre sind lang genug der Abstinenz, wir müssen uns nicht weiter quälen, lass uns doch noch mal was machen.” Ich hatte zwar eine Geschichte, nur haben wir nichts damit gemacht. Wir haben ganz von vorne angefangen. Nämlich überhaupt, was uns interessiert, was wir erzählen möchten, was uns bewegt. Dabei sind wir auf die Figur von Howard gekommen: die Idee von einem, der einen Sohn hat, den er noch nie gesehen hat.

Wollte Sam Shepard gleich die Hauptrolle übernehmen? Bei “Paris, Texas” fand er ja, so heißt es, dass er selber noch nicht reif genug ist…

Wim Wenders: Nicht gleich. – Bei “Paris, Texas” habe ich den Fehler gemacht, ihn viel zu früh zu fragen, ob er die Rolle spielen möchte. Da hat er mir einen Korb gegeben. Obwohl ich ihn bis zum Schluss bekniet habe. Doch er ließ sich nicht erweichen. Offiziell war sein Grund, dass man nicht gleichzeitig eine Rolle schreiben und spielen könne. Ich glaube, er hat sich als Schauspieler noch nicht reif gefühlt. Der wirkliche Grund – zwanzig Jahre später kann ich es sagen – war die Möglichkeit, mit Jessica Lange gemeinsam einen Film zu machen. Und mit Jessica einen Film zu drehen oder mit diesem deutschen Typen – da hatte ich schlechte Karten… Ich konnte es ihm auch nicht übel nehmen, die beiden waren gerade frisch verliebt.
Dieses Mal habe ich es besser gemacht: Ich habe gar nicht gefragt. Er hat also die ersten zwanzig, dreißig Seiten geschrieben, und ich habe mal so nebenbei gesagt: “Ich finde, das wäre eine Super-Rolle für Jack Nicholson.” – Dann hat er mich angeguckt, erstmal nichts gesagt und 10 Minuten später hat er gemeint: “Der kann überhaupt nicht reiten!” – Und bald darauf auch, dass der glaube, er könne das selber spielen. Das war die bessere Taktik.

Wie sind sie zu den jungen Darstellern gekommen? Sarah Polley zum Beispiel? Ihre sofortige Wunschbesetzung oder Casting?

Wim Wenders: Ich habe Sarah in “My Life Without Me” (2003) gesehen und in “The Sweet Hereafter” (1997), habe sie dann auch mal vor ein paar Jahren, ich glaube im Jahr 2000, auf der Berlinale getroffen – und war einfach hin und weg. Ich fand sie ganz, ganz toll, wusste allerdings lange Zeit nicht, ob ich das durchkriegen würde, da Sam die Figur Sky, die Sarah darstellt, als Halbblut geschrieben hatte, ihre Mutter eine Indianerin. Und damit war Sarah Polley natürlich nicht im Rennen. Ich habe aber nie richtig nach einer Indianerin gesucht, ich habe immer gedacht, ich krieg den Sam noch dahin. Und irgendwann hat er dann auch eingesehen, dass es ein bisschen aufgesetzt war. Man sieht die Mutter außerdem nicht, sie kommt ja nur als Asche vor. Da war der Weg frei für Sarah. Ich habe echt nicht richtig nach jemand Anderem gesucht.
Nach dem Sohn hingegen (dargestellt von Gabriel Mann) hingegen habe ich lange gesucht. Ich habe fast drei Jahre lang jeden jungen Schauspieler zwischen LA, New York und London gesehen. Ich habe wirklich alles gesehen, was hier kreucht und fleucht. Gabriel Mann sprach sogar bei einer der allerersten Casting-Sessions vor, 2001 noch. Damals war er noch ein völlig unbeschriebenes Blatt, ich glaube, er hat damals noch nicht einmal die kleine Rolle in “The Bourne Identity” (2002) gespielt. Er hat mir gut gefallen. Ich habe Probeaufnahmen gemacht, dann hat der Film sich verzögert, ich habe erneut gecastet, ihn wieder gerufen, wieder Probeaufnahmen gemacht. Insgesamt hat er dreimal vorgesprochen. Und jedes Mal hat er sich gegen die Mitbewerber behauptet. Irgendwann wusste ich: einen Besseren finde ich nicht. Und ich finde ihn auch physisch richtig gut gemeinsam mit Sam.
Am ersten Drehtag ist alles drunter und drüber gegangen. Wir konnten etwas nicht drehen, was wir vorgesehen hatten, und so blieb mir nichts Anderes übrig, als am ersten Drehtag die Szene mit Mutter und Sohn in der Gasse dranzunehmen. Macht man eigentlich nicht, einen jungen Schauspieler am ersten Drehtag in die schwerste Szene reinzujagen. Ich habe zu Gabriel gesagt: “Pass auf, wir machen das jetzt anders, wir drehen die Szene mit Jessica.” Da ist er weiß geworden, weil er darauf nicht vorbereitet war; hat gesagt: “Gib’ mir eine Stunde”. Die habe ich ihm gegeben und anschließend, beim Dreh, wusste ich, dass ich ihn gut besetzt habe. Sich als junger Schauspieler gegen Jessica Lange zu behaupten, da gehört schon Chuzpe dazu. Hat er super-gut gemacht. War dann letzten Endes auch gut, dass ich ihm die schwerste Sache zuerst abverlangt habe, hinterher war er ganz locker. Und ich mag den richtig gern. Es gibt Leute, die finden, dass er ein bisschen zu sehr auf die Tube drückt. Finde ich nicht. Einer, der keinen Vater gehabt hat, welcher dann plötzlich auftaucht, der flippt halt ganz schön aus, dachte ich mir. Ich würde ausflippen.

Es gehört wohl auch ein bisschen dazu, um diese Gegensätze zu zeigen – zwischen dem Sohn und der Tochter, die genau das Gegenteil ist, die Ruhige, die auf Howard zugeht.

Wim Wenders: Genau. Man merkt ja auch, was das für eine Wichtigkeit hat, für diesen jungen Mann, dass er diese Schwester entdeckt. Da kommt ja nicht nur der Vater neu in sein Leben, auf einmal hat er obendrein noch eine Schwester. Das ist ja auch gut so. Der Vater und der Sohn zusammen, das hat ja nicht weit geführt. Sam wollte zwischendurch die Sache vereinfachen – er meinte, wir hätten zu viele Figuren und hatte sich in den Kopf gesetzt, die Tochter, Sky, wieder zu eliminieren. Ich habe für sie gekämpft wie ein Löwe, weil ich wusste, dass ich ohne sie keinen Film mehr habe. Vater und Sohn landeten so schnell in der Sackgasse, und schließlich und endlich war auch Sam zufrieden, dass Sky drin geblieben ist.

Sie setzt ja auch einiges in Bewegung.

Wim Wenders: Ja, die säßen heute noch auf der Couch, wenn sie nicht dabei wäre.

“Don’t Come Knocking” wird gerne mit “Paris, Texas” verglichen. Der größte Unterschied ist die Leichtigkeit, der Witz. Was hat sich in den letzten zwanzig Jahren getan?

Wim Wenders: Ich bin zwanzig Jahre älter geworden. Ich war nicht einmal 40, als wir “Paris, Texas” gedreht haben. Da nimmt man sich noch ein bisschen wichtiger. Man lernt dazu. Ich weiß ja von Anfang an, dass ich Filme mache, um eines Tages die Komödie zu drehen. – Ich pirsche langsam, aber sicher an… Ich komme schon hin. Ich werde euch schon noch alle überraschen. Ich übe…

Da war ja schon mal einiges drin an komödiantischen Elementen…

Wim Wenders: Ich glaub’ auch. Sam hat an seiner Schreibmaschine gesessen, immer vor sich hin gekichert und dann wusste ich, er schreibt wieder etwas Komisches. Ich habe ihn auch gefragt, ob er das überhaupt spielen kann. Ich habe ihn in allen möglichen Filmen gesehen – als Astronaut, jede Menge Militär in letzter Zeit, Cowboys, Schriftsteller, Anwälte. – Alles so seriöse, gradlinige, manchmal ein bisschen sture Böcke. Ganz humorlos. Ich habe ihn also gefragt: “Kannst du das?” – Und er antwortet darauf: “Ehrlich gesagt: Woher soll ich das wissen? Habe ich noch nie gemacht. Deswegen schreibe ich das ja. Damit ich das endlich mal spielen kann.” Die besten Komiker sind die, die nicht lachen. Das hat er gut hingekriegt. – Er hat nie versucht, übertrieben komisch zu sein. Das würde er nie machen; komisch wirken zu wollen. Er wusste schon, dass einige von den Szenen wirklich ein bisschen drollig waren und er wusste auch, dass der Howard ein unmöglicher Typ ist, er hat sich auch nicht mit ihm identifiziert. Howard macht ja wirklich Doreen einen Heiratsantrag. Allen Ernstes. Jahrzehnte zu spät. Der ist ja nicht ganz dicht.

Steckt überhaupt etwas von Ihnen und Sam Shepard in Howard?

Wim Wenders: Ja, schon, das bisschen Anachronistische, das in Howard ist, das ist auch in Sam. Und Sam hat durchaus, man muss ja kein Geheimnis draus machen, in seiner Schauspielerkarriere auch ein paar Howard-Spence-Phasen gehabt – mit Sex und Drugs und Rock’n’Roll. So ein Bad Boy war er auch mal. Ist aber lange her.

Man erfährt im Film viel über Howards Vergangenheit, seine Skandale. Und dann noch diese Nebenhandlung mit dem quasi modernen Kopfgeldjäger, der an Howards Fersen hängt. Wollten Sie damit auch Kritik – einen Seitenhieb – am Hollywoodsystem üben?

Wim Wenders: Es gibt schon zwei verschiedene Berufe in Hollywood. Die einen sind Filmstars, die anderen Schauspieler. Ein paar von den Filmstars sind auch Schauspieler. Howard Spence war immer nur ein Filmstar. Mit diesem Film hatte ich aber keine Kritik an Hollywood im Sinn. Wir wollten die Geschichte vom verlorenen Vater und dem verlorenen Sohn erzählen. Ich war überhaupt ein bisschen skeptisch, als Sam einen Western-Darsteller aus Howard machen wollte. Ich war erstmal dagegen, weil ich vermeiden wollte, dass der Film etwas mit Film zu tun hat; Film-im-Film, das habe ich schon mal gemacht und wollte es nicht mehr. Doch je mehr er darüber nachgedacht hatte, umso mehr war Sam davon überzeugt, dass das ideal wäre für jemanden wie Howard, wenn er ein gealterter Western-Star wäre. Er wollte es zumindest mal probieren. Dann hat Sam die erste Szene geschrieben – dabei wieder gekichert – und da hieß es dann auch gleich “ritt der Mann davon…”. – Also ein Cowboy, mit allem drum und dran, Perlmuttpistolen und den Sporen, aber er hat auch ein Handy dabei. Und da hab"™ ich gewusst, mit der Figur kann ich doch einen Film machen. Ich hatte zu sehr Sorge, dass das wieder so insiderisch wird, aber das hat letzten Endes keine Bedeutung im Film. Das hat keinen Hintergrund. Er könnte auch ein echter Cowboy sein oder Gott weiß was.

Der Cowboy landet schlussendlich wieder bei seiner Mutter…

Wim Wenders: Tragisch, nicht? – Kennen ja viele Leute, glaube ich. Ich weiß nicht, wie das bei Mädels ist. Aber als Mann kommt man immer mal wieder in das Jungszimmer zurück. Und die Mütter pflegen das, die sind sehr dagegen, dass man das abbaut. Ich habe meines abgebaut, ich hatte Glück: Mein Zimmer hat mein Bruder übernommen. Aber ich habe Freunde, die das nicht durften. Das ist dann tragisch: Da bist du plötzlich 60, kommst zurück und da hängen die Posters von den Beatles rum. Das ist schon tragisch. Wenn ein erwachsener Mann bei seiner Mutter landet, wie Howard das tut, ist das echt die letzte Zuflucht. Der hat sonst nichts mehr. Er ist dem Zusammenbruch nahe. Plötzlich ist er niemand mehr. Ausgestiegen aus der Heldenrolle… schwierig… niemand mehr zu sein.

Aber es hilft ihm doch, seine Familie zu treffen, bzw. überhaupt kennen zu lernen.

Wim Wenders: Er hat nicht viel erreicht. Man kann auch nicht sagen, dass er viel bewegt hätte. Aber ich glaube, dass er sich am Schluss, wenn er sich rasiert, wieder im Spiegel anschauen kann. Zumindest ist er ehrlich gewesen.
Aber er freut sich ja doch auch wieder, beim Set zu sein. Er merkt, dass er mit seinen Dialogen nicht weit kommt, er hat ja nichts zu sagen. Und er freut sich darauf, dass jetzt wieder die Dialoge vorgeschrieben sind. Erstens ist er – wie viele Männer – nicht sehr konfliktfähig und zweitens kann er nicht, wie er will. Die Frauen, denen er begegnet, machen ihm das schon ziemlich klar. Am Schluss ist er ein besserer Mensch, als er anfangs gewesen ist. Vielleicht sogar ein besserer Schauspieler. Ob er noch viele Filme dreht, auf dem Pferd, wage ich zu bezweifeln.

Die Frauen kommen überhaupt besser weg im Film… Sie sind die wahren Helden.

Wim Wenders: Ja, das wollten wir auch so. Als wir den Western-Helden hatten, war dann auch klar, dass wir den gnadenlos demontieren würden. Und das hat Sam auch wirklich toll gemacht, finde ich. Sowohl mit der Mutter als auch mit Doreen. Doreen haben wir übrigens komplett neu umgeschrieben, wirklich jeden einzelnen Satz, als klar war, dass Jessica Lange die Rolle spielt. Jessica kennt Sam besser als jeder andere Schauspieler; für seine eigene Frau hat er alles wieder verschärft.

Bei Amerika ist es hingegen so, dass das Bild nicht demontiert wird. Die Landschaften sind so schön, wie schon lange nicht mehr. Wenn man das z.B. mit “Land Of Plenty” (2004) vergleicht, ist man doch ein bisschen verwundert…

Wim Wenders: Eigentlich hätte ich es umgekehrt drehen sollen. Wollte ich eigentlich auch. Mit “Don’t Come Knocking” haben wir im Jahr 2000 begonnen, drehen wollte ich im Sommer 2003, aber dann mussten wir in letzter Sekunde – es war eigentlich alles fix und fertig, nur ein paar Wochen vor Drehstart – noch mal verschieben. Das hat mir dann die Luft gegeben, “Land Of Plenty” zu machen. Es wäre in der Reihenfolge logischer gewesen, “Land Of Plenty” als Abschiedsfilm der Trilogie zu machen.
Es ist viel passiert in der Zeit, seitdem wir das Drehbuch zu “Don’t Come Knocking” geschrieben haben. Wir haben über dreieinhalb Jahre geschrieben, dann den Film vorbereitet und überlegt: Sollen wir das so stehen lassen? Oder sollen wir nicht doch auf die eine oder andere Art das Land politisch reflektieren? Letzten Endes haben wir uns gesagt, dass wir uns von dem Cowboy im Weißen Haus nicht “den Spaß an der Freud” verderben lassen: wir machen das jetzt trotz allem so, wie wir das wollten. Jetzt erst recht. Man hätte natürlich logisch “Land Of Plenty” hinterher machen sollen, aber man kann sich das nicht aussuchen.

Was für eine Rolle spielt die Situation in den USA, dass Sie wieder in Deutschland drehen wollen?

Wim Wenders: Ich habe einfach alles erzählt, ich habe eine Trilogie auf Englisch gemacht, mit “The Soul Of A Man” (2003), “Land Of Plenty” (2004) und “Don"™t Come Knocking”, und letztendlich auch einige Filme davor in Englisch gedreht – wie “The End Of Violence” (1997), “Million Dollar Hotel” (2000). Ich hatte nie vorgehabt, so lange in den USA zu sein. Seit Jahre stand für mich im Raum, nach “Don"™t Come Knocking” wieder in Deutsch zu drehen, nach Deutschland zu kommen. Mit “Land Of Plenty” habe ich, glaube ich, auch klar gemacht, was ich politisch davon gehalten habe.

Heißt das nun auch, wir können als nächstes eine deutschsprachige Komödie erwarten?

Wim Wenders: Ich weiß gar nicht, ob ich ausgerechnet die Komödie auf Deutsch versuchen soll. Eigentlich kann man auf Englisch viel komischer sein. Aber vielleicht muss ich’s auf Deutsch versuchen. Es ist ja die Quadratur des Kreises, die deutsche Komödie…

Gibt es schon erste Ideen für ein neues Projekt?

Wim Wenders: Eigentlich noch gar nicht, ich muss erst ankommen. Ich kenne mich in Montana, Nevada und Utah richtig gut aus. Und in Brandenburg, Sachsen und Hessen gar nicht. – Ich will immer erst wissen, wo ich was erzähle, bevor ich weiß, was ich da erzähle.
Auch Butte, der Ort in Montana, in dem “Don’t Come Knocking” teilweise spielt – da will ich seit 25 Jahren drehen. Das hat die Geschichte provoziert, dass ich den Ort so gut kannte. In Deutschland muss ich auch erst wissen, wo genau ich arbeiten will.

Das wird dann im Moment eher nicht komödiantisch…

Wim Wenders: Im Moment ist es etwas mürbe… Aber nachdem jetzt aber auch die Rolling Stones zugestimmt haben, dass Frau Merkel “Angie” spielen darf, besteht ja Hoffnung. Ist aber alles nicht ganz so komisch. Deutschland ist halt auch kein witziges Land. Obwohl eigentlich gerade in den letzten 20 Jahren vor allem Komödien Erfolg hatten…
Komödien sind meistens sehr sprachbezogen. Ich muss einmal Woody Allen anrufen und fragen, wie er das macht. Oder den Benigni… Die sieben Zwerge haben jetzt selber ihr eigenes Remake gedreht, da kann ich jetzt nicht mehr ran. Aber die Heinzelmännchen, die wären ja noch übrig…


Don’t Come Knocking
D / USA 2005
Regie: Wim Wenders
Mit Sam Shepard, Jessica Lange, Tim Roth, Gabriel Mann, Sarah Polley, Fairuza Balk, Eva Marie Saint
Verleih: UIP
122 Minuten

text: nicole albiez
10.09.2005

Rotkäppchen revisited

Nicole Kassell wagt sich mit “The Woodsman” an ein Tabuthema: Den Kampf eines Pädophilen mit sich selbst.

“Was ist das Schlimmste, das du je in deinem Leben gemacht hast?” fragt Walter seine neue Freundin. Sie habe mit dem Mann ihrer besten Freundin geschlafen, antwortet sie, noch heute fühle sie sich furchtbar, wenn sie nur daran denke. Walters schockierende Antwort auf ihre Gegenfrage: er hätte junge Mädchen belästigt. Zwölf Jahre lang saß er im Gefängnis, vergeben wird man ihm nie. Nicht nur mit dem Blick von außen hat der Verurteilte zu kämpfen sondern auch mit den inneren Dämonen. Die Versuchung lockt ständig, selbst im Rückzugsgebiet der eigenen Wohnung: der Blick aus dem Fenster eröffnet die Sicht auf eine Grundschule.
Die Hollywood-Produktion “The Woodsman” wagt nicht nur, über einen Pädophilen zu berichten, sondern auch aus der Perspektive des Täters zu erzählen, einem “Helden”, der eindeutig keine Identifikationsfigur darstellt; ein Held, dem man nicht vergeben wird; dem man weder Mitleid noch Sympathie entgegen bringen mag. Die in kühles Blau gehaltenen Bilder versuchen Distanz zu halten und zeigen einen eingeschüchterten Mann, der sich am liebsten in Luft auflösen würde; der sich zwischen der Rolle des “bösen Wolfes” und der des “guten Jägers”, des “Woodsman” bewegt. Auf “Rotkäppchen” weist das Drama vielfach hin, eine sprichwörtlich märchenhafte “und sie lebten glücklich…”-Lösung ist naturgemäß nicht so einfach. Kevin Bacon spielt seine Rolle hervorragend, und Nicole Kassell gelingt es mit ihrer Adaption des gleichnamigen Theaterstücks von Steven Fechter ein eigenständiges Werk zu schaffen.

The Woodsman
USA 2004
Regie: Nicole Kassell
Mit Kevin Bacon, Kyra Sedgwick, Mos Def
Verleih: Tobis Film
87 Minuten
Derzeit im Kino

text: nicole albiez

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