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low-budget magazin
14.12.2005

John Irving und die "Stadt, in der Marc Aurel starb"

Was es bedeutet, gegrillparzert zu werden. Wo Merrill Overturf lebte. Warum es gefährlich ist, sich vor dem “Hawelka” die Füße in den Bauch zu stehen.

“Die Stadt, in der Marc Aurel starb” ist zwar nicht John Irvings favorisierte, dennoch hat sie sich nachhaltig in sein Werk geschlichen. Eine “Tour de Vienne” mit einem der außergewöhnlichsten zeitgenössischen amerikanischen Schriftsteller.

Frauen, die sich in Bärenkostümen tarnen, junge, kleinwüchsige Bestsellerautorinnen, noble Huren und angehende Autoren, transsexuelle Football-Spieler und inzestuöse Geschwisterpaare: In den Welten, die der ausufernden Fantasie des amerikanischen Autors John Irving entspringen, tummeln sich keine klassischen Helden. Keine Gewinnertypen, keine Glückspilze auf der Sonnenseite des Lebens. Skurrile Figuren sind es, Nerds, Außenseiter. Was ein erstaunlicher Anteil seiner Protagonisten gemeinsam hat – abgesehen von ihrer Position im Abseits, manchmal auch “dem Ringen und dem Schreiben” (so die Lieblingsbeschäftigungen des Autors) – sind die Abstecher nach Europa. Besonders oft stülpt Irving einen Teil seiner gewaltigen gedanklichen Luftschlösser über die Stadt, in der er ein Auslandsemester verbracht hat. Die Stadt, durch die er in den Sechzigerjahren schlenderte und die meiste Zeit in Kaffeehäusern verbrachte: über Wien.

“Ich bezweifle, dass ich je wieder nach Wien fahren werde”, schreibt John Irving in seiner Autobiographie “Die imaginäre Freundin”. Zwar hat er ein Jahr am Institut für Europäische Studien in Wien verbracht und sich in Europa zum allerersten Mal “wie ein Schriftsteller” gefühlt; zwar ist er jahrelang in Kaprun Schi gefahren und sogar zwei seiner Söhne sollen in Österreich das Licht der Welt erblickt haben. – Dennoch: Österreich im Gesamten und Wien im Speziellen offenbarten sich für ihn und seinen Mitbewohner, den Amerikaner Eric Ross, nicht als besonders gastliches Pflaster. Sie fühlen sich als “Ausländer”. Und “Ausländer” ist ein Wort, dem ein negativer Beigeschmack anhaftet.

Mit der Bestie durch Wien

Seine Zeit in Wien verbrachte Irving neben Eric Ross mit dem gemeinsamen Freund David Warren. Vielerorts sickern die Unternehmungen in Irvings Romane durch: Die Motorräder, mit denen sie die Straßen unsicher machen, spiegeln sich in “Laßt die Bären los!” wider: Die beiden Protagonisten, Siggi Javotnik und Hannes Graff starten mit ihrer neu erstandenen “Bestie”, wie der Autor zu fahrbarem Untersatz mit zwei Rädern zu sagen pflegt, in ihr Abenteuer, das sie nicht in ferne Lande, sondern den Tiergarten Schönbrunn bringt. Zwischen gefiederten und pelzigen Zoobewohnern soll Irving neben Kaffeehausbesuchen die meiste Zeit während seines Aufenthaltes in Wien verbracht haben.

Auch zu einer ganz bestimmten Adresse im vierten Bezirk kehrt Irving literarisch immer wieder zurück: “Jenny und Garp zogen in eine cremefarbene Wohnung mit hohen Räumen im zweiten Stock eines alten Hauses in der Schwindgasse, einer kleinen Straße im vierten Bezirk” heißt es etwa in “Garp und wie er die Welt sah”. Irving lässt Garp gar seiner Mutter Jenny einen Zettel schreiben, für den Fall, dass sie sich verirrt. “Wien IV, Schwindgasse 15/2” ist darauf zu lesen. Es ist nicht nur Garps Zuhause, sondern auch die Adresse, unter der Eric Ross und John Irving während ihrer Zeit in Wien zu finden waren. Dieselbe Adresse soll auch in “Die wilde Geschichte vom Wassertrinker” aufgesucht werden. Der fluchbeladene Protagonist Bogus Trumper sucht dort jedoch nicht nach Garp oder Eric Ross, sondern nach seinem alten Freund Merrill Overturf. Auf dem Türschild steht inzwischen jedoch “K. Putt” geschrieben. Nach Overturf muss Bogus weiter suchen.

Dies erledigt er von seiner Pension aus – einer “Pension Taschy” in der Spiegelgasse 29 im ersten Bezirk, eine Adresse, die nicht existiert (die Spiegelgasse endet mit Hausnummer 25) – und vor Ort im allseits bekannten “Hawelka”, wo sich heute nicht mehr Künstler und Denker aufhalten, sondern Touristen, die auf deren Spuren wandeln. Oder sich lediglich vom Sightseeing-Gerangel erholen. Zu Bogus’ Zeit treiben sich seltsame Personen vor dem Hawelka herum: Ein Mann, der außer “Gra! Gra!” nicht viel von sich gibt, stößt ihm ein Päckchen Haschisch in den Magen. Wo ganz unerwartet, aus dem Nichts ein ziegelsteingroßes Paket mit Rauschmitteln auftaucht, ist die Polizei nicht weit – und folglich auch Bogus’ mehr oder weniger freiwillige Ausreise aus Österreich.

Garp und Jenny ergeht es in Wien schon besser. Die beiden dinieren oft im ersten Bezirk, flanieren durch die Innenstadt, schlendern über die Kärntnerstraße und werden in der Nähe der Oper auf eine ältere Prostituierte aufmerksam. Mutter und Sohn bezahlen die Dame mit dem schmalen, traurig wirkenden Gesicht, um sie über “die Lust der Männer” zu befragen, Jenny kann sich wenig darunter vorstellen.

Garp, der sich, wie Jenny meint, der Kultur hingeben soll, besucht zahlreiche Museen und macht dabei auch mit dem österreichischen Dichter und Dramatiker Franz Grillparzer Bekanntschaft – oder eher mit dessen ausgestelltem Arbeitszimmer, das laut Jenny nicht aussieht wie das Zimmer eines Schriftstellers. Überhaupt, wie jemand, der so “einfältig” und “sentimental” ist wie Grillparzer, gewürdigt werden kann, versteht Garp nicht:

Grillparzer kriegt sein Fett ab

“Garp interessierte sich nicht für Theaterstsücke und Gedichte, aber er ging in die Bibliothek und las, was als Grillparzers erzählerisches Meisterwerk angesehen wird, die lange Erzählung ‘Der arme Spielmann’. Vielleicht, dachte Garp, reichten seine drei Jahre Schuldeutsch nicht aus, um die Erzählung würdigen zu können; auf Deutsch hasste er sie. Dann fand er in einem Antiquariat in der Habsburgergasse eine englische Übersetzung der Geschichte; er hasste sie immer noch.” – “Grillparzer-Witze” zwischen Jenny und Garp sind die nächst logische Konsequenz. Wenn Garp für seine Mutter kocht, fragt er sie, ob sie ihr Ei weich oder “gegrillparzert” wolle. Und als “einen Grillparzer machen” bezeichnete Jenny in ihrem ausufernden “literarischen Werk”, eine Szene oder eine Gestalt, die “wie ein losrasselnder Wecker” eingeführt wird. Überall in der Stadt stolpern die beiden über Erinnerungen an den toten Grillparzer; “es gab eine Grillparzergasse (eigentlich Grillparzerstraße), es gab ein Kaffeehaus Grillparzer” und sogar eine Grillparzertorte. Man kann es ahnen: “Sie war viel zu süß.” – Grillparzer war für Garp (oder doch Irving?) jedoch für eines gut: für den Titel der ersten größeren Kurzgeschichte, “Die Pension Grillparzer”. Selbst da schaffte Irving es, seine Lieblingstiere, die Bären, über die Seiten tanzen zu lassen.

Sprengt die Oper!

Bären tummeln sich auch im “Gasthaus Freud”, allerdings Bären “der anderen Art”: Es handelt sich nicht um ein richtiges Tier, sondern um ein zwanzigjähriges Mädchen aus Michigan im Bärenkostüm, das sich nach einer Vergewaltigung zu einem Leben als Bär entschieden hatte. Ähnlich einem Blindenhund führt sie Freud durch seinen Alltag, nicht zu verwechseln mit Siegmund Freud, dem Irving in seiner Zeit in Wien eifrig hinterherlas. Der Freud, der in “Hotel New Hampshire” auftaucht, ist Besitzer des Hotels “Gasthaus Freud”. Ob der “andere Freud” je dort genächtigt hätte, sei unbekannt. Dafür planen dort “die Radikalen” mit Namen wie “Schraubenschlüssel” und “Fehlgeburt”, die Wiener Staatsoper in die Luft zu sprengen. In der Krugerstraße soll sich das Hotel befinden. Anstelle eines Gasthaus Freud findet sich dort nun ein Hotel, das passenderweise “Zur Wiener Staatsoper” heißt.

Versöhnliches Wiedersehen

Zu Hause gefühlt hat Irving sich hier nie. Dafür fühlte er sich zu sehr als “Fremder”, als “Ausländer” angesehen. Nach der Waldheim-Affäre wollte Irving mit Österreich nichts mehr zu tun haben, kehrte Wien den Rücken. Vielleicht ist die Zeit nun reif für eine Versöhnung; zwischen einem aufgeschlossenem Wien und einem der wunderbarsten zeitgenössischen amerikanischen Autoren. – Vielleicht ist John Irving empfänglich für eine – wie man so schön sagt – “große Geste”: Ganz Wien wird Irving lesen: “Ewigkeitsstraße” von Frederic Morton, “Schritt für Schritt” von Imre Kertész und “Das geheime Brot” von Johannes Mario Simmel wurden mit der Wiener Gratis-Buch-Aktion “Eine STADT. Ein BUCH.” bereits geehrt. Diesmal wird John Irvings Debüt von 1968 “Laßt die Bären los!” an die WienerInnen verteilt. – Ein Schelmenroman, der für eine bessere Welt plädiert. Ganz Wien wird die Bären befreien. Das müsste Irving eigentlich gefallen.

text: nicole albiez
30.11.2005

Kant, Wurst und Sterne

Daniel Kehlmann – Meister des Dialogs und ironischen Untertons – vermisst in seinem neuen Roman die Welt der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert.

Keinen geringeren als den Mathematiker Carl Friedrich Gauß und Allround-Naturforscher Alexander von Humboldt hat sich der Autor Daniel Kehlmann in “Die Vermessung der Welt” vorgenommen und mit ihnen ist auch der dezent ironische Erzählton zurück, der bereits in Kehlmanns letztem Roman “Ich und Kaminski” für feuilletonistischen Jubel gesorgt hat. In einem eng verwobenen Netz von Fiktion und biographischer Detailversessenheit wird das Leben zweier Genies zugleich nachvollzogen und neu interpretiert. “Wann immer einen die Dinge erschreckten, sei es eine gute Idee, sie zu messen”, das rät auch der berühmte Physiker Marcus Herz den Humboldt-Geschwistern Wilhelm und Alexander am Anfang des Romans. Kapitelweise wechselt Kehlmanns Erzähler zwischen dem stets übellaunigen, aber dennoch leidenschaftlichen Gauß, der sein Leben lang Deutschland nicht verlässt, und dem humorlosen Asket Humboldt, der in dieser Zeit die Neue Welt erforscht. Erforschen ist allerdings ein recht unpräziser Ausdruck für die wissenschaftliche Akribie, mit der die beiden unterschiedlichen Pioniere vorgehen. Sie vermessen in der Tat – jeder auf seine Weise die Welt und dies eigentlich eher unerschrocken und aus dem Drang heraus, Großes zu leisten: Gauß, der bereits mit neun Jahren bei einer Heißluftballonfahrt die Erdkrümmung mathematisch erfasst und während seiner Hochzeitsnacht eine Formel für die Messung der Planetenbahn entwickelt, Humboldt, der zusammen mit seinem treuen, aber einfaltslosen Gefährten Bonpland die Missionare im Amazonasgebiet besucht und Zentimeter um Zentimeter des bereisten Landes vermisst. Die Kapitelüberschriften “Die Reise”, “Der Fluß” oder “Der Lehrer” werden dabei zu einer genretypischen Landkarte, die an die Gattung des Abenteuerromans erinnert. Am Ende treffen die beiden alternden Kauze im vorrevolutionären Berlin zusammen. Die politischen Verhältnisse des beginnenden 19. Jahrhunderts, die die napoleonische Ära um die Jahrhundertwende, die Kolonialzeit und den Vormärz umfassen, spielen bei der Vermessung der Welt ebenso eine Rolle, wie der philosophische und weltanschauliche Zeitgeist, den Humboldt vor dem Deutschen Naturforscherkongress den “Blitzschlag der Vernunft” nennt.
Mit seiner Dialogführung knüpft Kehlmann an seine erzählerische Verfahrensweise aus “Ich und Kaminski” an, die hier mit der indirekten – also vom Erzähler gefilterten – Rede geradezu komisch-absurde Situationen schafft: Etwa, wenn Humboldt das bekannte Gedicht “Wanderers Nachtlied” von Goethe wiedergibt, welches bei ihm dann im Konjunktiv ganz schnöde damit endet, dass man bald tot sein werde. Oder, wenn Gauß den für seine Verhältnisse unzumutbar langen Weg nach Königsberg unternimmt, um dem greisenhaften Immanuel Kant seine neuesten Erkenntnisse über den euklidischen Raum zu offerieren und somit dessen Kritik der reinen Vernunft widerlegt, in der der Raum durch die eigene Anschauung geformt wird. Der sabbernde Kant kommentiert dies schlicht mit: “Wurst und Sterne”, die Gauß kaufen solle.
Auch, wenn all die naturwissenschaftlichen Fachausdrücke nicht jedermanns Sache sind, schafft es Kehlmann, gleich drei Dinge auf einmal in seinem Roman zu verpacken: Mit gut recherchiertem Wissen und unerschrockenem Witz nähert er sich den Geistesgrößen und Vordenkern der Moderne, ohne dabei an poetischem Längenmass zu verlieren. Kant, Wurst und Sterne, das ist es, was Kehlmanns Romankosmos so lesenswert macht.

Daniel Kehlmann : Die Vermessung der Welt
302 Seiten
2005, Rowohlt Verlag
€ 19,90

text: cosima m. grohmann
23.09.2005

Bloß kein Eskapismus

Tilman Rammstedts neuer Roman “Wir bleiben in der Nähe”

”... dass wir uns nie entschieden haben, dass wir immer nur in alles hineingestolpert sind.”

Aus dem literarischen Topos einer Ménage à trois lassen sich spannende Geschichten entwickeln. Von Hemingways Catherine, Marita und David bis hin zu Tuffauts Catherine, Jules und Jim ergeben sich aus dem Sujet einer Dreiecksbeziehung Konstellationen, die gruppendynamische Komplikationen versprechen. Felix sieht das anders: “Ein Dreieck ist schließlich kein sehr gewagtes geometrisches Gebilde.”
Felix ist Kinderarzt, tut also qua Berufung Gutes. Er arbeitet in einer fortschrittlichen Reformklinik zusammen mit Kollegen, die ihn schätzen. Er verdient nicht schlecht. Es könnte ihm gut gehen. Vor Jahren führte er eine Beziehung mit Katharina (natürlich, wie soll sie auch sonst heissen?), die mit seinem besten Freund Konrad liiert war. Konrad ist der die Blaupause des Typs Moderner Slacker. Seine Brötchen verdient er als Ghostwriter für akademische Arbeiten. Hauptberufliches Betrügen. Zuvor hat er an der Uni Wirtschaftsseminare gehalten, die ebenso Betrug waren. Niemand kam ihm auf die Schliche. Er konnte sich halt so durchschlängeln. Und dieses Durchschlängeln wird zum Hauptmotiv der Geschichte. Es wird gestolpert, geschlittert, ausgerutscht und immer wieder sich erhoben und weitergemacht, immer weiter, irgendwie.
Nachdem Felix von Katherina, die er seit Jahren nicht gesehen hat, eine Einladung zu ihrer Hochzeit erhält, reiß er sich zusammen und ruft Konrad an. Man berät sich. Was nun zu tun sei, das gehe doch nicht, einfach so heiraten, nein, man müsse etwas tun, einschreiten. Und bevor Konrad sich versieht, schleift Felix ihn auch schon zum Bahnhof. Auf zu Katharina, ein Besuch nur, man könne ja mal reden, man werde dann schon sehen. Und hier setzt das große Schlittern ein. Eines führt zum nächsten, bei Katharina einquartiert, entschließen sich die beiden, sie zu entführen. Was so nacherzählt sich konstruiert und verkrampft anhört, vermittelt Rammstedt mit so viel einfühlsamen Humor, dass einem der Entschluss zur Entführung, bloß zwangsläufig und logisch erscheint. Die beiden verfrachten die betäubte Katherina in ihr Auto und fahren in ein kleines französisches Dorf, in dem Korads Bruder ein Ferienhaus unterhält. Man bricht ein, richtet sich ein, und kommt doch nie dort an, wo man hin will. Da sitzen die drei nun im verregneten französischen Herbst, auf sich selbst zurückgeworfen, gezwungen, aus der verfahrenen Situation das Beste zu machen.
Die Ménage à trois ermöglicht es dem Autor, den drei tatsächlich handelnden Personen eine vierte hinzuzufügen: Das Wir – immer wieder als running gag in der Form “Wir könnten ganz von vorne anfangen”, “Wir könnten uns bemühen” etc. eingesetzt – wird zur eigenständigen überpersonalen Figur, der durch Felix eine Stimme gegeben wird. Und in den besten Momenten des Buches nimmt der Leser diese vierte Figur als selbstverständlich an, folgt Felix in dem Glauben, dass es sich um sie zu kämpfen lohne.
Obschon Konrad gleich mehrmals, wie als Bannspruch “Bloß kein Eskapismus” postuliert, ist es vollkommen klar, dass die beiden eben doch fliehen. Und sich letztlich verfangen in dem vergeblichen Versuch, die Welt in ihr System zu zwängen.
Rammstedts Roman ist ein trauriger Abgesang auf eine Männerfreundschaft, auf die Liebe und gleichzeitig ein sehr genau beobachtendes Porträt einer zerbrechenden Clique, deren Freundschaft dennoch (vielleicht? bestimmt?) anhalten wird. Denn welch schöneres Kompliment kann man Freunden machen als dieses: “das Gefühl bei all dem Falschmachen, es wenigstens mit den richtigen Menschen falsch zu machen.”

Tilman Rammstedt : Wir bleiben in der Nähe
Gebunden, 237 Seiten
2005, DuMont Literatur und Kunst Verlag
€ 14,50

Weitere Informationen und Leseprobe:
http://www.dumont-redaktion.de

text: alexander viess
17.06.2005

Das Unheil, das aus dem Ausland kam

Die neue Testcard reist auf Trampelpfaden und verschlungenen Wegen durchs Land of the Free.

Den Geschehnissen vom 11. September 2001 wurde im amerikanischen Englisch ein griffiger Name gegeben: 9/11. Eine Kryptik bestehend aus Zahl Schrägstrich Zahl, zunächst nichts verratend und doch zugleich ein boiling und tipping point für die Betroffenen. Doch wer waren die Betroffenen? Die Menschen, die in den Trümmern eines Hochhauses durch einen Terroranschlag umkamen? Diese und deren Angehörige? Der Logik der Bush-Regierung folgend die gesamte freie Welt? Oder, um mit unserer Regierung zu sprechen, waren wir alle Amerikaner, auf einen Schlag, ohne eigenes Zutun?
Schnell wendete sich das Blatt, der dummstumpfe Amerikanismus der Konservativen wurde abgelöst durch einen nicht minder kurzsichtigen Anti-Amerikanismus der Linken, die erstaunlicherweise gar nicht mehr so weit der Rechten entfernt scheint. Da waren sie wieder, die alten Vorbehalte: “Kulturimperialismus”, “McDonaldisierung”, “der dumme Amerikaner”.

Die neue Testcard befasst sich mit dem anderen Amerika, das Amerika des Rock’n’Roll, der Gender Studies, der Riot Grrrls, der Subkulturen und hinterfragt dabei unseren eurozentrischen Blickpunkt. Jens Thomas betrachtet in seinem einleitenden Text die Ursachen und Folgen des Anti-Amerikanismus und zeigt auf, dass es sich keineswegs um eine neue Form der Xenophobie handelt. Die Stereotypen seien bis in die Zeit der Romantik verfolgbar, auch wenn der ausgeprägte Anti-Amerikanismus “erst mit dem Ersten Welktkrieg” aufkeime. Dass Anti-Amerikanismus auch von Amerikanern ausgehen kann, beschreibt Oliver Uschmann in seinen “Beobachtungen zum amerikanischen Aufstand gegen George W. Bush”. Er betrachtet dort die zahlreichen Wahlinitiativen contra Bush, die zum Teil auch aus dem Punk- und Hardcore-Umfeld hervorgehen, und die vor allem durch laute Parolen auf sich aufmerksam machten. Uschmann plädiert dafür, den “Bedrohungen der Gegenwart” mit “Zerbrechlichkeit, Vieldeutigkeit, Eigensinn und bewusster ‘Schwäche’” gegenüberzutreten, um den “Willen zur Macht” explizit zu verneinen. Es stellt sich die Frage, ob auf diesem Weg (Buddha und Christus werden zitiert) die Massen mobilisierbar sind oder ob es nicht doch einen dritten Weg zwischen “Austreten aus der Differenz” und plump-lautem Schreien gibt.

Die Politik zieht sich als naturgemäß roter Faden auch durch die restlichen – erfreulich heterogenen – Texte. Da finden sich Artikel über das Vietnamtrauma im Horrorfilm neben solchen über Neozapatismus und Popkultur. Ein enger Themenhorizont wäre das letzte, das man den Machern vorwerfen kann.
Schade nur, dass die Testcard leider noch immer sehr akademisch rüberkommt: Ausufernde Fußnoten, grausiges Layout, noch grausigere Typo und bisweilen arg akademisierender Duktus sind alles keine Appetitanreger für den Leser jenseits der Uni. Auch die nach hinten verschobenen Film-, Buch- und Plattenrezensionen wirken disparat. Kurze 50-Zeiler über Bright Eyes oder The Polyphonic Spree kann man auch woanders lesen. Hier wünschte man sich dann eher themenbezogene Kritiken. Warum nicht die Propaghandi-Platte besprechen, die Oliver Uschmann in seinem Text erwähnte? Oder den Riot Grrrls-Aufsatz durch Kritiken von Bikini Kill-Alben ergänzen?

Dennoch: Die Testcard ist (wieder!) eine ausserordentlich kluge und anregende Sammlung geworden, der man es keinen Moment übelnimmt, nie “America in general” in den Fokus zu nehmen, sondern immer nur das punktuell neben der Spur liegende.

Martin Büsser (Hrsg.) : Testcard #14 “Discover America”
Taschenbuch, 304 Seiten
2005, Ventil Verlag
€ 14,50

Weitere Informationen, Inhaltsverzeichnis und Editorial:
www.testcard.de/tc14.html

text: alexander viess
09.05.2005

Körperwelten

Der neue Suhramp-Sammelband “Gendertronics” sucht den Körper in der elektronischen Musik.
“mein körper ist ein tempel, / und dieser tempel will gepflegt werden. (hippie) / mein körper ist ein tempel, / und dieser tempel muß zerstört werden. (punk) / hat jemand meinen körper gesehen? (techno)”

Ein Kalauer, sicher, aber einer, der die richtigen Fragen aufwirft. Er stammt aus Marc Weisers grandioser hate-speech, die vor kurzem mit anderen Texten im neuen vom club transmediale und Meike Jansen herausgegebenen Suhrkamp-Reader “Gendertronics – Der Körper in der elektronischen Musik” erschien.

Die Fragen, an denen sich die Essays, Aufsätze und Gespräche entlang hangeln, sind diese: Was wurde aus dem Körper, den die Vordenker der elektronischen Musik zu überwinden sich auf die Fahnen geschrieben hatten? Sind die elenden Rockismen, die immer auch zu Machismen tendieren, obsolet geworden? Und, da Körperfragen auch immer Genderfragen sind, was wurde aus der Frau in der elektronischen Musik; ist die elektronische Musik eine geschlechtslose? Was trat an die Stelle der phallischen Gitarre, wurde das – ‘tschuldigung – Gitarrengewichse durch Modulmasturbation ersetzt/erweitert?

Kurt Dahlke zitiert in seinem Text “Die Rehabilitierung des Körpers” Pascal Platinga: “But looking like I’m checking e-mail, I’m not getting any female”. Das benennt durchaus ein Dilemma: Die Live-Performances im Bereich elektronischer Musik beschränken sich heutzutage oft auf die sogenannten Laptop-Acts, bleiche Kerle (!) hinter ein paar Apple iBooks. Als Konzertgänger muss man sich die Frage schon gefallen lassen: Warum sollte man sich so etwas antun? Unsexy, baby!

Einen anderen Weg schlagen Acts wie T.Raumschmiere ein. Dessen Gigs und Line-Ups erinnern mehr an klassische Rockshows denn an mille-plateaux’sche Knöpfchendrückerei. Nie war elektronische Musik in ihrer Performanz näher an Punk als hier. Regression, baby? Dahlke sieht die Lösung dieses Problems in der Entwicklung und Etablierung neuer Interfaces zwischen Laptop und Artist, die dem Zuschauer erlauben, nicht “weiterhin auf Bildschirmrückseiten starren” zu müssen.

Die meisten Texte eint der Zweifel an der Entkörperlichung der Musik. Tom Holert betont sogar, dass der Akt des Ent-Körperns durchaus nicht zwingend einem feministischen Standpunkt entspreche, sondern im Gegenteil diese Strategie von einigen Feministinnen als Privilegierung eines “männlich codierten Begriffs von Kultur und Technik gegenüber einer weiblich codierten Vorstellung von Natur und Körperlichkeit” verstanden würde. Alles Quatsch also? Elektronische Musik als männlich codierte Technik, als Fortführung des ROCK! mit anderen Mitteln?
Ein Blick mit Holert in die Szene-Magazine von de:bug bis Wired scheint dies zu bestätigen: Nach wie vor blicken einen Gesichter von den Covern an, der totgeglaubte Star erfreut sich bester Gesundheit, der Leichengeruch war bloß Einbildung. Und selbst Künstler wie Matthew Herbert oder Rythm & Sound können sich nicht entziehen. Versuchen sie es doch, festigt die “Pose des Sich-Entziehens” doch nur ex negativo die Virulenz des Star-Körpers.

Olaf Karnik stellt in seinem Text über Musikvideos im Allgemeinen und Chris Cunningham im Besonderen eine andere Diagnose. So seien die Repräsentationen des Körpers in den Videos der 80er Jahre bis heute zahlreichen Deformationen unterworfen und nicht auf “Körper: ja” oder “Körper: nein” festlegbar. Von der Selbstvervielfältigung im Video der 80er (Herbie Hancocks “Rock it” und PSBs “Opportunities”) über die “Spielfilmisierung”, bei der die Musik gänzlich in den Hintergrund tritt (Aphex Twins “Windowlicker” aber auch schon Michael Jacksons “Thriller”) bis hin zu Mensch-Maschine-Relationen, die an die Stelle des Menschen oder des Roboters eine cyborgisierte Ich-Maschine stellen (Björks “All is Full of Love”) sei die Körper(re)präsentation nie eindeutig.
In letzter Zeit aber scheinen sich vor allem zwei Richtungen behaupten zu können: Die gänzliche Abwendung von körperlich-narrativen Clips hin zu vektorbasierten Abstrakten hier und die Zerstörung des “echten”, humanen Körpers dort. Letzteres besonders prägnant bebildert durch Cunninghams Clip “Afrika Shox” (Leftfield feat. Afrika Bambaataa) und im Mainstream angelangt durch Robbie Williams’ Körperdekonstruktion in “Rock DJ”.

Also: Body matters (no more)!? So einfach ist es selbstverständlich wieder mal nicht. Der Reader bietet Ansätze zu Antworten und vor allem – nochmals – stellt er die richtigen Fragen. Vielleicht, so beschleicht mich nach der Lektüre das Gefühl, vielleicht spielt das alles in den Momenten um drei Uhr morgens im Stroboskopgewitter eines verrauchten Clubs aber auch gar keine Rolle. Oder, wie Miss Kittin ihren Text beschließt: “You can philosophize forever, you will never find the words. When was the last time you sweat on a dance floor?” Auch so eine Frage…

club transmediale / Meike Jansen : Gendertronics – Der Körper in der elektronischen Musik
2005, Suhrkamp
€ 9,-

Weitere Beiträge zum Gendertronics-Projekt unter www.clubtransmediale.de.

text: alexander viess
19.03.2004

Werner Köhler : Cookys

Essen, Trinken, Männer

Dass das Essen an sich und dessen Zubereitung ein beliebter Stoff in Literatur und Film ist, wenn es darum geht, darzustellen, was Leib und Seele zusammenhält, weiß man spätestens seit Grass’ “Blechtrommel” oder den “Korrekturen” von Jonathan Franzen. Und dass ein Leben in einer eingeschworenen Restaurantclique seine Vor- und Nachteile haben kann, wenn man versucht, ein geregeltes, aber nicht allzu bürgerliches Leben zu führen, haben uns “Rossini” und “Herr Lehmann” in ihrem jeweils ganz eigenem sozialen Umfeld gezeigt. Die Gastro-Szene und das professionelle Zubereiten köstlicher Speisen ist also ein wunderbares Setting, um einerseits den unkonventionellen Lebensstil der meist unglücklich verliebten, trinkenden Meisterköche darzustellen und andererseits um genau diese Leidenschaft für das Kochen als Ersatzbefriedigung für Annerkennung und Rückhalt zum Mittelpunkt der Roman bzw. Filmhandlung zu machen.
Werner Köhlers “Cookys” reiht sich in diese Tradition ein und tut das auf so eine authentische Weise, dass einem aus zwei Gründen das Wasser auf die Buchseiten tropfen kann: Gert Krüger, genannt Cooky, ist der Ich-Erzähler dieses Romans und er berichtet – ausgehend von dem plötzlichen Selbstmord seines Freundes Tom im Jahre 1980 – von seiner Jugend in den siebziger Jahren, selbstverständlich mit allem was an Drogen, Musik und männlicher Pubertät dazugehört. Immer wieder springt die Handlung hin und her zwischen den Kapiteln mit der Überschrift “Requiem”, in dem Cooky bereits ein erfolgreiches Feinschmecker-Restaurant in Aachen führt und den retrospektiv erzählten Abschnitten im Stil von “wie es dazu kam”. Dabei werden sowohl die abenteuerlichsten Gerichte zubereitet, als auch eine sehr bewegende und bewegte Geschichte eines Menschen erzählt, der ohne das Kochen, die Musik und seine Freunde verloren wäre.
Das Abschlusskapitel schließlich erinnert an Ang Lees Film “Eat drink man woman”, in der ein Familienvater versucht, über das Kochen den Verlust seiner Geschmacksnerven zu kompensieren, darüber aber seine Töchter völlig aus den Augen verliert: Auch Cooky muss einsehen, dass er zu einem “Geschmacksdiktator” geworden ist und außerdem einen ausgemachten Kontrollfimmel hat. Am Ende des Romans – dem Tag der Beerdigung – kocht die ganze Crew ein Menü, welches den Charakter des gemeinsamen Freundes wiedergeben soll und diese Kreation ist bestimmt der schönste Totenschmaus, den man sich für Menschen wie den verrückten Tom wünschen kann.
Die ambitionierte, achronologisch erzählte Geschichte und die Verarbeitung einiger großer Sujets in Literatur und Film – Erwachsen werden, Essen und Sterben – retten über ein paar tote Punkte hinweg, die durch allzu großen Detailreichtum entstehen. “Cookys” ist ein Roman für Feinschmecker, verregnete Sommertage und Menschen, die ihre Freunde zu schätzen wissen.

Werner Köhler : Cookys
Roman
2004, Kiepenheuer und Wisch, Köln
€ 9,90

text: cosima m. grohmann

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