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low-budget magazin
10.04.2006

The Spells vs. Rocket Uppercut : Split 7"

The Spells, eine vierköpfige Band aus Manchester um "žEye-Candy" Ilona Burton, sind nicht um falsche Bescheidenheit bemüht. So rühmt sich die Band auch auf der Website ob ihrer sexy Bandmitglieder: “Having selected band members on the basis of how sexy they are (...) ”. Im Ganzen soll ihr Sound jedenfalls “like The Subways, but better!” sein.

Bescheidener, dafür desto umtriebiger geben sich da Rocket Uppercut aus dem beschaulichen Regensburg, die u.a. bereits mit Philip Boa oder Tokyo Sex Destruction zahlreiche Gigs hatten. Noch auf der Suche nach einem Label mit – soviel sei nebenbei gesagt – gleich zwei attraktiven Damen am Start, hat die Band ebenfalls zwei Singles beigesteuert, die sich wirklich sehen lassen können. Beim ersten Titel fällt mir sogleich die wunderbare, donnernde Stimme der Frontfrau auf. Da möchte man doch gerne mehr von hören.

Man sollte sich auch gar nicht erst die Mühe machen, das Ganze in irgendwelche unnötigen Indie-Noise-Rock-Schubladen zu stecken. Einfach wirken lassen. Gefallen oder Nichtgefallen wird sich alsbald einstellen. Beim zweiten Titel beschleicht einen dann allerdings das merkwürdige Gefühl, entweder eine Mischung aus Bad Religions “Punk-Rock-Song” oder gar “Pushed again” von den Toten Hosen aufgelegt zu haben. Oder sollte ich mich da etwa irren? Nein, Verwechslung ausgeschlossen. Trotzdem, Puls auf 200 – daraus kann noch was werden. Rocket Uppercut ist unbedingt viel Erfolg bei der Label-Suche zu wünschen, da hat man Lust auf mehr.

Und nun The Spells. Hätte ich nicht schon andere Titel von dieser wirklich netten Band gehört, dann wäre ich wohl nach diesen zwei Singles doch etwas enttäuscht gewesen. Leider wurden für die kleine 7” etwas ruhigere (dröge?) Titel ausgewählt, die mit dem Tempo von Rocket Uppercut nicht so ganz mithalten können. Auch die an sich sehr eingängliche Stimme der Sängerin kommt bisweilen etwas schwach und schief daher. Der zweite Titel “Spells” reißt es in punkto Dynamik dann zwar doch noch ein wenig heraus, trotzdem komme ich zu dem Urteil 1:0 für Deutschland. Ausnahmsweise wenigstens mal.

Dennoch empfehle ich, sich nach weiteren Titeln von The Spells umzutun, da die Band einige weitaus stärkere, zum Teil ordentlich rockende Tracks in ihrem Repertoire hat. Soviel sei noch gesagt zur Ehrenrettung. Aber besser als The Subways? Na ja das sollte jeder für sich selbst entscheiden.

(Leaving Home Records)

text: albrecht walther
14.03.2006

Action Action : An Army Of Shapes Between Wars

Versucht man die Band mit dem “vielsagenden” Namen Action Action musikalisch zu verorten, kommen einem zunächst Begriffe wie Electro, New Wave oder gar Brit-Pop in den Sinn. Die Beschreibung der amerikanischen Fachpresse als “dark, moody, melodic voyage into a world of buzzing ‘80s electronica and chainsaw-guitars” trifft den eigenwilligen Stil von Action Action wohl am ehesten.

In jedem Fall dürfte das zweite Album der Band “An Army Of Shapes Between Wars” durchaus polarisierend auf das hörende Publikum wirken. Bereits der erste Titel “Smoke And Mirrors” kriecht einem sofort ins Ohr, etwas gewöhnungsbedürftig kommen dabei die grell hervorstechenden Synthies daher, mit denen man sich jedoch unverzüglich anfreunden muss.

Die musikalische Palette der vier Jungs aus Long Island, New York reicht von wunderschönen Melodien wie beispielsweise in “The Game”, das einen geradezu unüberhörbar an Oasis erinnert, jedoch bedauerlicherweise nicht ganz repräsentativ für die Platte ist, über sehr tanzbare Stücke à la Hard-Fi wie “Analogue Logic” oder “A Tornado; An Owl” bis hin zu anheimelnd-knuddeligen Titeln wie “What Temperature Does Air Freeze?” oder dem hinreißend melancholischen “Attached To The Fifth Story”. Dass sich dabei leider auch einige weniger starke Titel eingeschlichen haben, die mit dem Rest der Platte nicht mithalten können, muss dennoch erwähnt werden. Trotzdem stellen die zum Teil minutenlang recht belanglos dahinplänkelnden Stücke eher die Ausnahme auf einem ansonsten äußerst sympathischen und abwechslungsreichen Album dar, das man ruhig auch ein zweites Mal anhören kann.

Unterhaltsam sind zudem, dies sei dem Hörer noch auf den Weg gegeben, die geradezu skurril anmutenden Songtitel (“Oh, My Dear It"™s Just Chemical Frustration” oder “120 Ways To Kill You: An Illustrated Children’s Book”). Wem die Platte jedoch weniger zusagt, der sollte sich dagegen lieber auf die Website der Band begeben und dort ein im Space-Invaders-Stil gehaltenes Arcade-Game zocken, das einen dann endgültig in die guten alten Achtziger Jahre versetzt.

(Victory / Soulfood)

text: albrecht walther
21.01.2006

The Ashes Of Creation : First Breath After Coma

Wie, die kommen nicht aus Großbritannien? Und was soll das heißen, kein Retro-New-New-Wave? Auch kein Indiepop? Und das soll ich mir jetzt anhören?! Ich bitte dich! Ach, produziert von Guido Lucas, dieser Blackmail-Scumbucket-Ken-Typ? “Pop Noir” soll das sein? Steh ich zwar auch nicht drauf, klingt aber interessant… Meinetwegen, weil du so nett fragst. Man muss ja flexibel sein heutzutage.

“Flexibel” ist auch das Wort, das den Sound von The Ashes Of Creation ganz gut beschreibt – ein anderes wäre Experimentierfreudigkeit. Doch zuerst einmal die Formalitäten: Der Siebener aus Marsberg (wo auch immer DAS sein mag) rockt sich quer durch die Stilpalette der Gitarrenmusik, angefangen bei düsterem Folk mit Querflöte über elektronische Spielereien hin zu mit dem Klavier begleiteten Balladen und einem wohl von Tom Waits inspiriertem Stück mit Akustikbass. Dazwischen einige beinahe-Hardcore-Songs, Orgel, etwas über’s Ziel hinaus geschossener Sprechgesang und ein, zwei ganz okaye klassische Alternative-Rock Songs.

Langweilig wird es also nie, zuweilen aber ganz schön nervig, wenn die Querflöte mal wieder wie aus dem Nichts um die Ecke geschossen kommt, die Oberhand über die restlichen Instrumente gewinnt und lautstark vor sich hindüdelt – da muss man sich auch nicht wundern, wenn man (wie das Infoblatt verrät) schon mal ins “Gothic-verlobte Zillo-Umfeld” gesteckt wird. Die musikalische Verwandtschaft zu diversen Mittelalter-Folk-Gothic-Rock-Gruppierungen ist zumindest für den auf diesem Gebiet unerfahrenen Hörer nicht von der Hand zu weisen. Und Texte wie “Here comes the loneliness, the bitterness of things, a faithless affection to carry on” tun da auch nur ihr Übriges.

Trotzdem – gerade der abwechslungsreiche Sound und die anständige Produktion (sprich: Man kann die einzelnen Instrumente wirklich auch raushören, ohne im Geräuschbrei unterzugehen) könnten dieses Debüt für Fans der dunkleren Gangart ganz interessant machen. Wer auf “knackigen”, düster angehauchten Rock-Pop-Rock mit den üblichen Features (dicker Bass, Gitarrenwände, intensiver Männer- und Frauengesang) und einigen Eigenheiten (Elektronik, nervige Querflöte, intensiver Männer- und Frauengesang – sic!) steht, wird an den Ashes Of Creation seinen Gefallen finden.

(Capitol East Records / Radar Music)

text: samantha bail
16.01.2006

Les Mercredis : Lächeln kostet extra

Schon interessant, dass gerade die zwei (ja, zwei!) Hidden Tracks auf dem Debüt von Les Mercredis die gesamte musikalische Breite der Band ziemlich treffend beschreiben: Der eine ist ein rein elektronisches, Drum’n’Bass (jaha, Drum’n’Bass!) angehauchtes Instrumentalstück (wenn euch die Melodie am Ende bekannt vorkommt – zwei Stunden Nachdenken haben mich auf Postal Service gebracht), der zweite ein mit Akustikgitarre, Bass und (Bongo?-)Trommel eingespielter, klassischer Gitarrenpop-Song. Wie man diese zwei doch so unterschiedlichen Stilrichtungen miteinander verflechten kann, zeigen die drei Herren aus Siegen auf dem Rest (bzw. im Hauptteil) des Albums, das nun nach einigen mehr oder weniger großen Katastrophen (Schlagzeuger weg, Tour schlecht gelaufen, technische Probleme im Studio) das Licht der Welt erblicken durfte.

Dabei poppt das alles gar nicht so nett und fröhlich, wie man jetzt erwarten würde – die Mercredis wählen lieber die düstere Variante der Gitarren-Elektro-Mixtur, mit stampfendem Drumcomputer, fiependen Synthies und nervöser Snare, die an frühe bis mittlere bis späte New Order erinnern. Und wenn sie dann noch so schön angespannt und auf den Punkt klingen wie in “Will nicht”, kann man sich auch mal beim Kopfnicken und Fußwackeln ertappen. Ihre besten Momente hat die Band dabei, wenn sie genau weiß, wo sie jetzt hin will – Elektropunk mit einigen 80er-Industrial-Anleihen oder Elektropop, der stellenweise wie ein durch den Computer gejagter Kettcar-Klon klingt, wobei die Stimme von Thomas Wied diesem Vergleich auch in keinster Weise im Weg steht. Vor allem “Sowas von egal” und “Sekundenschlaf” (vgl. “Balkon gegenüber” und “Landungsbrücken raus”) zitieren bzw. kopieren die Hamburger Kollegen, ohne mit der Wimper zu zucken.

Über die Texte kann man sich (wie auch bei Kettcar und grundsätzlich allen deutschsprachigen Bands) wahrscheinlich streiten, wenn man gerade nichts besseres zu tun hat – hab ich aber, deshalb wird an dieser Stelle nicht diskutiert, sondern einfach zur Bildung einer eigenen Meinung aufgefordert. Sowas wie “von mir zu dir bin ich am Übergang gescheitert” (aus “Zeugenstand”) kann sich aber problemlos sehen bzw. hören lassen.

“Lächeln kostet extra” könnte vor allem laut, live und auf der Tanzfläche ganz gut funktionieren und dort die Schwächen der Platte ausgleichen, der an einigen Stellen leider einfach der nötige Druck und Zielstrebigkeit fehlen. Gerade das schon erwähnte “Sekundenschlaf” plätschert zwar nett, aber unmotiviert durch die Gegend, als wäre den Jungs plötzlich der Saft ausgegangen. Dabei können sie doch auch anders und das nicht einmal so schlecht. Wir sehen uns auf jeden Fall auf Tour.

(Capitol East Records / Radar Music)

text: samantha bail
19.12.2005

Jackson and his Computer Band : Smash

In den Zeiten, in denen Electronica / IDM in einer Sinnkrise zu stecken scheint, weil die Reproduktion eines Cliches immer und immer weiter rotiert, es manchmal scheinbar keinen Ausweg aus dem gesetzten Stilparadigma gibt, kommt auf einmal ein 25-Jähriger aus Paris und veröffentlicht gerade bei Warp eine Platte, die scheinbar den Ausweg weisen kann. Da wird die Platte mit einem Cut-Up-Reigen eröffnet, dass man denkt “Ja klar, Akufen. Hatten wir schon, aber warum das Ganze jetzt auf Warp?” und eh man sich versieht, ist man mittendrin in einem Splitterfunk-Gewitter, das sich gewaschen hat. Elektro und old school Warp-Referenzen geben sich die Klinken in die Hand, als ob es nichts anderes mehr als Türen gibt, die aufgestoßen werden wollen. Eine Achterbahnfahrt der Electronica-Referenzen; eklektizistisch ohne auch nur einmal wie eine billige Kopie zu wirken. Hier arbeitet jemand mit großem Wissen um die richtigen Gesten, um die großen Momente. Nach den unglaublichen Platten von Jimmy Edgar ist auch Jackson and his Computer Band wieder eine Warp-Veröffentlichung, die beides mitdenkt: die Nacht und den Dancefloor im Blick hat aber auch genauso gut mit dem Kopfhörer funktioniert.

(Warp Records / Rough Trade)

text: nils quak
03.10.2005

Endearment : We Are The Factory

Es ist schon schwierig dem geneigten Rockfanatiker in kurzen Abständen immer wieder ein neues Kapitel des Mythos unterzujubeln. Seit Jahrzehnten dreht sich der Musikzirkus im Kreis, befruchtet sich selbst und wirft auf diese Weise belanglose Retortenbabys aus. Was ist also zu tun, um diesem Dilemma zu entgehen? Das Zauberwort heißt Reduktion – sowohl musikalisch als auch im Selbstverständnis. Endearment glauben gar nicht, dass sie etwas neu erfinden können oder müssen. Spielen ihren Rock einfach so herunter ohne dabei lieblos zu wirken. Natürlich könnte man jetzt noch die beliebte Emo-Schublade öffnen, aber was soll das? Klagend treibenden Gesang gab es schon vorher und mit Punk oder Hardcore hat das nichts zu tun. Sich weiterentwickeln bedeutet aus der Vergangenheit lernen. Und viel mehr als innovative Akkordreihen und Überkreuz-Experimente verleiht doch die Persönlichkeit der Musiker dem Rock seine Faszination. Dass da jemand steht und sein Herz hergibt, für jeden der sich darauf einlassen will. Da machen kleine Makel eher den Charme einer Platte aus. Perfektion ist langweilig. “We Are The Factory” bietet von all dem genannten eine ganze Menge. Zehn Pop/Rock-Songs, die locker eure Party schmeißen und den nötigen Tiefgang nicht vermissen lassen.

(Endearing Rec.. / Meerwert Platten)

text: manuel schülke
22.09.2005

Return of the Krauts : Hilfe, die Deutschen kommen!

Und, verdammt, jetzt singen sie auch noch!

Hasenheim : Klüger jetzt 2
Sofaplanet : Power to the Poeble
Katze : ...von hinten!

Jahrelang, nein, jahrzehntelang hat sich niemand in diesem Land auch nur ansatzweise getraut, in einer anderen Sprache als Englisch zu singen; die eigene war hauptsächlich dem Schlager-Lager (ha!), Schlager-affinen Ausgeburten der Hölle wie Grönehagen und Westernmeyer und einigen wenigen Indie-Randgruppen (Tocos, Sterne und so, Sie wissen ja) vorbehalten. Aber mit einem Mal kommen sie aus allen Ecken gehüpft, gerockt und gepoppt, mit einem flotten, deutschen Liedchen auf den Lippen. Super, müssen wir im Englischunterricht nicht mehr aufpassen und bleiben zudem noch von kreativen Sprach-Ergüssen (hallo Scooter!), die vermutlich jedem “native speaker” den Magen umdrehen, verschont.
Wobei, Moment mal – jetzt sind wir ja die native speaker und stehen wie hilflose Rehlein im Scheinwerferlicht des deutschsprachigen Rock-LKWs, der keine Anstalten macht, zu bremsen.

Die ersten am Steuer sind Hasenheim, eine (mehr oder weniger) junge Band aus Münster, die mit ihrem Album “Klüger jetzt 2” eine zwar nicht ganz originelle, aber gar nicht so unsympathische Mischung aus Gitarren-Dings und Pop-Folk-Funky-Bums abliefern. Irgendwo in der musikalischen Gegend von Virginia Jetzt! (wobei ich hier in keinster Weise behaupten möchte, Hasenheim hätten von VJ! abgeguckt, den Vergleich führe ich eher auf gemeinsame Vorbilder zurück, die vermutlich bei den üblichen Verdächtigen wie Blumfeld, den Sternen und Tocotronic zu finden sind) klingt diese Band mit dem merkwürdig bis doofen Namen nicht so schlimm, wie erwartet und beim zweiten Hördurchlauf kann man sich sogar mit den Texten anfreunden.
Die sind nämlich zum Glück nicht ganz so sinnentleert und pseudo-abstrakt wie von manch anderen Zeitgenossen, sondern erzählen meistens relativ konkret und unkünstlich von – wie sollte es anders sein – zwischenmenschlichen Begebenheiten und Problemchen (“Schade um die Zeit, die wir hätten haben können…”, “Ich bin heute nicht zufrieden mit mir selbst, ich kann nur hoffen, dass du mich aushältst”). Und wenn man sie in “Tief innen drin” unter der Dusche trällern hört, wird beruhigenderweise klar, dass Hasenheim das alles nicht ganz so ernst meinen. Da lassen wir auch einige sehr gewagte Textpassagen durchgehen: “Tank schon mal den Helikopter, ich muss raus” – äh bitte wie? Meinetwegen. Hasenheim kommen mit einem kleinen Puffer auf die Nase davon, für den blöden Namen. Wer oben genannte Bands immer noch mag und auch hört (1995 ist eben schon zehn Jahre her), kann an Hasenheim auch Gefallen finden.

Als nächstes kommen ein paar alte Bekannte angebraust: Sofaplanet sind zurück. Halleluja, na endlich! Haben wir die drei Berliner nach ihrem (mehr oder weniger) Überhit “liebficken” doch schon vermisst wie… nein, eigentlich haben wir sie gar nicht vermisst. Das hindert sie aber nicht daran, ein weiteres Album mit dem granatenmäßigen Titel “Power to the Poeble” auf den Markt zu werfen, dieses Mal sogar mit einer echt voll positiven Botschaft, wie das Presseinfo verrät. Denn “die anfängliche Melancholie der Stücke löst sich in einen befreienden Optimismus auf”. Aha. Was ganz Neues also (vgl. Tomte, Kettcar, Sarah Connor…). Leider sind die Texte dermaßen flach (“Nein, nein, lass mich nicht allein…” aus dem zweiten Stück “Nichts und Niemand”, oder auch “und ein Blau so tief, dass man fast ertrinkt, trägt uns fort und ist der Grund, dass wir glücklich sind…” aus der unerträglichen Gute-Laune-Hymne “Raus und weg”), dass einem beim Hören gänzlich die Lust vergeht, auf irgendeine positive Botschaft zu warten.
Co-produziert wurde das Album von Tobias Siebert, der mit Delbo und Klez.e zwei wunderbare Bands am Start hat; somit sollte “Power to the Poeble” zumindest musikalisch etwas zu bieten haben. Enttäuschenderweise stechen zwischen plumpen Gitarrensongs mit ein paar kleinen Punk- und Rock’n’Roll-Anleihen nur die letzten zwei Stücke hervor: “Nie zuvor war ich so leer”, das tatsächlich ein wenig an Klez.e erinnert und “Abschaum des Universums”, das am Ende leicht rumspaced wie die frühen Pumpkins und gar nicht mal so schlimm… Moment, waren das Handclaps? Um Himmels Willen. “Wir erkennen unsere Grenzen und wir werden sie überschreiten”, versprechen Sofaplanet in “Nichts und Niemand”. Na danke.

Miau! Noch eine Tierband am Steuer, dürfen die das eigentlich? Katze bekommen für Bandnamen und Album-Aufmachung (Pink! Wunderbares, kreischendes Pink! Mit kleinen Cartoon-Katzen!) zumindest schon vor dem ersten Anhören einen Niedlichkeits-Bonus (und ja, ich BIN weiblich). Dass es diese Band faustdick hinter den Ohren hat, lässt eigentlich nur der Albumtitel ”...von hinten!” erahnen. Tatsächlich, zu stellenweise richtig punkigen 3-Akkord-Schrammelgitarren und leicht dilettantisch wirkendem Glockenspiel (süß!) singt und quietscht Klaus Cornfield so nerdig, wie irgend möglich, von schönen Tagen zum Badengehen (gut) oder Mädchen, die Hip Hop (nicht gut) lieben. Irgendwo dazwischen findet man die Akkorde von “Wunderbaren Jahren” von den Sportfreunden, zu denen Katze “Wir machen Lääärm und schreien dazu!” kreischen und ein Gitarrensolo, das per se das Wort “Solo” erklärt – eine Stelle, bei der die Gitarre allein spielt, nicht mehr und nicht weniger. Minki Warhol, die meistens Keyboard und Glockenspiel bedient, seufzt gern mal melancholisch dazwischen oder löst Cornfield ganz charmant-kieksig am Gesang ab. Leider wirkt die Kluft zwischen süßlicher Musik, naivem Gesang und rotzigen Texten des öfteren zu gewollt ironisch (Gegensätze erzeugen Spannung, haben wir schon in der Schule gelernt) und berechnend provokativ wie Blumenmuster-Kittelschürzen und Vokuhilas an jungen Menschen. Und voller Euphorie “Menschen springen von Hochhäusern” zu trällern, halte ich für keine gute Idee, egal, wie “Ha, das Leben ist gemein, machen wir uns halt drüber lustig” das gemeint ist. “Hey hey, ist doch alles nur Spaß!” würden Katze vermutlich sagen (nein, von Glockenspiel untermalt quietschen), “Hey hey, reißt euch mal zusammen, Zynismus ist auch keine Lösung” würde ich dann antworten. Dann hab ich euch auch wieder lieb, ihr seid ja eigentlich ganz nett.

text: samantha bail
30.06.2005

The Royal We : A New Sunrise

Wenn ehemalige Bandmitglieder altgedienter Indie-Helden Soloplatten veröffentlichen, gerät dies oft zu einer Familienangelegenheit. Mit The Royal We verwirklicht der frühere Scumbucket-Bassist Dylan Kennedy seine eigenen musikalischen Visionen. Und diese liegen um mindestens einen Verwandtschaftsgrad näher beim Gitarren-betonten Indie-Pop. Kleine Songwriter-Perlen, denen man ihre spontane Entstehung so gar nicht abkaufen möchte, so durchdacht erscheinen sie. Eine leichte Brise Lo-Fi weht durch die atmosphärisch dicht arrangierten Songs und unterstreicht den herb-süßen Charme. Ein bisschen Familienausflug war es dann aber doch: Kurt Ebelhäuser von erwähnten Scumbucket (und Blackmail) hat beim Opener “Tomorrow’s Today” Gitarre sowie Stimme ausgeliehen. Sein Bruder Carlos nochmal beim letzten Song – das wars. Der Rest ist Dylan Kennedy pur. Die einfache Schönheit, die er in der Reduzierung aufs Wesentliche findet und die stimmigen Texte sind es, die “A New Sunrise” zu einem kleinen Geheimtipp werden lassen. Einzig die Quantität lässt noch etwas zu wünschen übrig. Sechs magere Songs lassen auf mehr hoffen und das bald.

(RAKETEmusik / Rough Trade)

text: manuel schülke
24.06.2005

Taking Back Sunday : Where You Want To Be

Ohne Umschweife: Taking Back Sunday sind eine DER Emo-Bands schelchthin. Mit allen positiven und negativen Attributen, die sich so anhäufen, wenn man aus seiner Leidenschaft Profit zieht. All die enttäuschten Erwartungen und Ausverkaufsvorwürfe kann man nur mit einer Sache abschütteln: Losrocken, was das zeug hält! Und wenn zum ersten Mal “I’m sorry it took me so long…” (“Set Phasers To Stun”) aus den Lautsprechern knallt, ist eigentlich alles klar. Taking Back Sunday schaffen es schlichtweg. Einen Spagat zwischen brachialem Gefühlrausschreien und spielerischer Melodie. Nach dem vielbeachteten Vorgänger “Tell All Your Friends” werden sie es dennoch schwer haben. Aber man sollte sich doch bitte zurückversetzen in den Zustand, bevor Taking Back Sunday an die Oberfläche kamen. Das aktuelle Album ist kein Rückenschwimmer, sondern bewegt sich über weite Strecken in rasantem Freistil voran. Es bietet eigentlich keine oder kaum Angriffsfläche für platte Marketing-Attitüden: Es steht einfach so da. Ganz für sich alleine. Verse chorus verse, laut – leise, alles mit Bravour ausgeführt und trotzdem wirken Sound und die vermittelten Emotionen überaus authentisch. Wo die großartigen Jimmy Eat World sich endgültig der “Sweetness” in jedem Song hingegeben haben, schaffen Taking Back Sunday den rauen Gegenpart dazu, räumen aber dennoch Kritikerlob und fanatische Verehrung ab. Hier geht’s lang, Emo!

(Victory)

text: manuel schülke
22.06.2005

V.A. - There Is A Light That Never Goes Out

Suizid ist ein ernstes Thema. Sicherlich eins, an das sich wenige heranwagen und tun sie es doch, dann scheitern sie an der Tatsache, dass schließlich keine Medium in der Lage ist, die Gefühle und Zwänge unvermittelt zu übertragen. Einen sehr intuitiven Weg hat das Label Dancing In The Dark gewählt. Nichts dringt so direkt in die Gefühlswelt von Menschen ein wie Musik. Sechs mehr oder wneiger bekannte Indie-Bands haben sich der Sache angenommen und eigens für die vorliegende Compilation zum Teil sehr eigenwillige Versionen zum Thema eingespielt. Da wären zum einem Tomte, welche mit “Behind The Wall Of Sleep” eine wunderbare Coverversion des Smithereens-Songs abliefern. Thees Uhlmanns gebrochen klingende Stimme passt sogar viel besser zum Text als es im Original der Fall war. Ein tottrauriger Song, der einen lange Zeit begleitet. Auch Team Dresch seien mir nicht böse, wenn ich behaupte, dass “Don’t Try Suicide” von Muff Potter um längen mehr Kraft und Leidenschaft an den Tag legt. Là Par Force und The European Translation Of sind ebenfalls mit gelungenen Interpretationen vertreten, einzig die Indie-Überflieger The Robocop Kraus mögen nicht überzeugen: Nein, es liegt nicht einmal an der Auswahl ihres Songs (“Girl You Know It’s True” von Milli Vanilli). Sicherlich haben sie es sich ganz und gar nicht leicht gemacht, dennoch klingt ihre Version sehr holprig – auch wenn der Song in seiner Umsetzung einigen Absurditätsbonus einheimst. Zu guter Letzt rundet Rio Reisers (bzw. Ton Steine Scherben) “Warum geht es mir so dreckig?” in einer dreckig-guten Interpretation von Tagtraum die Benefiz-Compilation ab. Ein Gesamturteil fällt schwer, da sich herausragende Songs, nette Interpretationen und ein (sorry) Totalausfall die Waage halten. Die kompletten Einnahmen gehen übrigens an den Regensburger Krisendienst Horizont, was in den angespannten Zeiten auch für Indie-Labels bemerkenswert ist. Wir freuen uns auf Fortsetzungen und Nachahmer!

(Dancing In The Dark / Millipede / ALIVE)

text: manuel schülke

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#9 // Auszeit // Auweia! // Leander : Termine // Maximilian Hecker : Termine // Captain Planet : Termine // Iskra : Termine // Seidenmatt : Termine // Pawnshop Orchestra : Termine // Maria Taylor : Termine // Au Revoir Simone : Termine // Bernd Begemann : Termine // Atomic : Termine // Monta : Termine // Pale : Termine // Blumfeld : Termine // Stand-by // The Album Leaf : Termine // Goldrush : Termine // Finn. : Termine // Jupiter Jones : Termine // Impressum // neues 08|05|2006 // Voltaire // Neues 22|04|2006 // neues 16|04|2006 // neues 10|04|2006 // The Spells vs. Rocket Uppercut : Split 7" // manuel // Geht... geht nicht... geht... // Action Action : An Army Of Shapes Between Wars // neues 07|03|2006 // neues 05|03|2006 // Joker was here! // neues 18|02|06 // neues 16|02|06 // neues 10|02|06 // neues 04|02|06 // Neues 30|01|06 // Neues 27|01|06 // Neues 23|01|06 // The Ashes Of Creation : First Breath After Coma // Sam // The Go-Betweens : That Striped Sunlight Sound (DVD) // Neues 20|01|06 // Les Mercredis : Lächeln kostet extra // magma ~ chat // Jackson and his Computer Band : Smash // neues 16|12|05 // Vergangenheit lebt // Oscar Wilde als Staubfänger // neues 13|12|05 // Eine kurze Geschichte zum Kino Südkoreas // John Irving und die "Stadt, in der Marc Aurel starb" // (Strich-)Punkte // neues 01|12|05 // Kant, Wurst und Sterne // neues 30|11|05 // neues 15|11|05 // Legende - Die Geschichte eines Helden // Daniel // neues 01|11|05 // neues 26|10|05 // Fanzine-Treffen 2005 // Der Tod, das Mädchen und das Comic // Neues 11|10|05 // Neues 05|10|05 // Endearment : We Are The Factory // Zwei, die sich (be)kriegen // Quintessenz eines Kinojahres // Neues 28|09|05 // Bloß kein Eskapismus // Last Exit Montana // Return of the Krauts : Hilfe, die Deutschen kommen! // magma frisch frisiert... // Teenage Angst mit Anfang 20 // Rotkäppchen revisited // Verliebte Narren // magma ist umgezogen!! // The Royal We : A New Sunrise // Taking Back Sunday : Where You Want To Be // V.A. - There Is A Light That Never Goes Out // Great Lake Swimmers : Bodies and Minds // Das Unheil, das aus dem Ausland kam // Verqueeres zum Thema Geschlechter // Pfandhaus-Teaser : Auf unbestimmte Zeit // Liebe statt Lithium // Mächtig auf Touren... // Bosnische Julia trifft serbischen Romeo // (Pop Up Protokoll : Tag 3 // (Pop Up Protokoll : Tag 2 // (Pop Up Protokoll : Tag 1 // Körperwelten // Neue Texte im April // Gegen den versnobten Literaturbetrieb // clickclickdecker : Kein Arschloch // Feverdream : Freeze! (EP) // Rise and Fall : Hellmouth // Zuhause : Dinge an ihrem Platz // The Faint : Wet From Birth // Gem : Tell Me What's New // Traurig, aber wahr... // Starmarket : Abandon Time // Squarewell : Two Toy Model // Kettcar : Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen // Bizibox : Never Catch Us Downtown // Hackerangriff überstanden // Unglaublich! // Der Kosmopolit // Info // Links // mediadaten // was lange währt, ... // Delbo : Kleine Galaxien // Haftungsschluss // Disclaimer // Corduroy Utd. : Oh Eira // The Five Obstructions // Cyne : Growing (EP) // Superskank : s/t // Sheer Terror : Love Songs for the Unloved // Wissmut : Sonne und Mond // V.A. : Berlin Digital (DVD) // OMR : Side Effects // Von Spar : Die uneingeschränkte Freiheit der privaten Initiative // Mediengruppe Telekommander : Die ganze Kraft einer Kultur // Miss Kittin : I Com // Sex In Dallas : Around The War // Queen Of Japan : Foreign Politics // Der Schwimmer : Perfect Sunday // Lion's Den 63 : Tricky Turf // Chloe : I Hate Dancing // mt. fern : s/t // Le Charmant Rouge : Post No Bill // Cobra Killer : 76/77 // Der Tante Renate : Schecter // Mondomarc : SauRa // From Monument To Masses : The Impossible Leap in 100 Simple Steps // Plemo : Yeah // Like A Stuntman : Park The Trailer In The Park // Jimi Tenor : Beyond The Stars // Maritime : Glass Floor // Girls in Hawaii : From here to there // Matthew Dear : Zwischen Rave und Sofaflur // Great Lake Swimmers // Lebensentwürfe einer gelungenen Trilogie // Werner Köhler : Cookys //
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