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low-budget magazin
14.10.2005

Der Tod, das Mädchen und das Comic

Man sagt der Wiener Seele oft einen Hang zum Morbiden nach. Vielleicht war das mal, bedingt durch Zeiten wie die Pest, die Türkenbelagerungen oder zwei Weltkriege. Ja, in Zeiten der Not hatte man nicht viel zu lachen, aber gerade ein Lachen nimmt dem Tod manchmal seine Schärfe. Und gerade Personen, die dem Sensenmann ein Schnippchen schlagen konnten, wurden zu Helden (wie z.B. der liebe Augustin, der besoffen in eine Grube mit Pestleichen fiel – und am nächsten Morgen unbeschadet wieder aufstand).

Auch heute gibt es Stätten, die dieser Morbidität huldigen, wie z.B. den Zentralfriedhof, die Michaeler Gruft mit ihren mumifizierten Toten oder den Friedhof der Namenlosen in Albern – doch irgendwie sind sie nicht mehr so im Bewusstsein der jungen Wiener verankert. Ja, Wien ist in einer gewisser Weise weltoffener geworden – mit seinen international gleich geschalteten Starbucks-Cafés und H&M-Plakaten. Der Tod wird immer weiter zurück gedrängt – auch in Liedern und Gedichten: Helmut Qualtinger z.B. ist schon lange tot, Ludwig Hirsch und Georg Danzer musizieren noch – aber einem jüngeren Publikum wird das höchstens als Kuriosum etwas sagen. Und die Sterbevereine, in die man jahrelang einen kleinen Beitrag einzahlt, damit am Ende eine ordentliche Bestattung – “a scheene Leich’” – rausspringt, haben ihren Zenit schon längst überschritten. Und nun kommt ein Comic daher, das gerade diese Todessehnsucht, diese Verbrüderung mit dem Tod zelebriert.
Der Tod – allmächtig und universell, wie es scheint. Doch der Schein trügt. Gleich zu Beginn der Geschichte, im Prolog, erfahren wir, dass es einiger Unvorsichtigkeiten bedarf, um ihm anheim zu fallen. Man muss ihm nämlich in die Augen sehen und beim Namen nennen, sonst hat er das Nachsehen. Und Namen hat der Tod viele: Gevatter, Freund Heyn, der ewige Schlaf, der Schnitter… Aber auch Beleidigungen und sonstige Bezeichnungen akzeptiert er, da ist er nicht kleinlich. Pech nur, dass der finstere Geselle auf einer viel befahrenen Autobahn ausgerechnet auf jenes Mädchen trifft, das ihm schon in ihrer frühesten Kindheit ein Schnippchen geschlagen hat. Sie kennt sein Geheimnis: Und so sterben heute viele auf der Autobahn – nur nicht jene, deren Lebensuhr eigentlich schon längst abgelaufen ist. Schön langsam entsteht zwischen den beiden so etwas wie eine Beziehung.

Es gibt wenige erfolgreiche österreichische Comic-Zeichner. Und erfolgreiche österreichische Comic-Zeichnerinnen sind noch rarer: Nina Ruzicka ist eine davon. Von 1997 bis 2002 zeichnete sie für das monatlich erscheinende Frauenmagazin “Wienerin” die Strip-Serie “Nina”. Doch ihren größten Erfolg punkto Anerkennung feierte sie mit ihrer Serie “Der Tod und das Mädchen”, die sie für den Comic-Channel des ORF eigens zeichnete. Als der ORF im Juli 2005 den Channel einstellte, klickten zum Abschied noch 100.000 Leser auf ihren letzten Strip.
Für Nina Ruzicka (Jahrgang 1972) ist der Tod ein alter Bekannter, war doch ihre Kindheit durch eine Reihe schwerer Krankheiten gezeichnet. Wie dem Comic zu entnehmen ist, strangulierte sie sich bei ihrer Geburt beinahe mit ihrer eigenen Nabelschnur. Außerdem überlebte sie zwei Blinddarmoperationen nur knapp. Bis heute kann sie das “vertraute Gefühl” nicht abschütteln, das sie befällt, wenn sie ein Krankenhaus betritt, so Ruzicka. Wie das Comic beweist, hat sie sich dennoch ihren Humor bewahren können – vor allem jenen der schwarzen Sorte. Ein weiterer Beweis dafür ist ihre Mitgliedschaft in der Europäischen Totentanzvereinigung e.V.
Ruzicka arbeitet seit 1997 als freischaffende Künstlerin. Dass man davon in Österreich nicht leben kann, beweisen eine Vielzahl von Jobs während dieser Zeit – angefangen von Bedienung in einem Country-Western über zur Parkettlegerin bis – nach einem HTL-Abschluss in Chemie und Gentechnologie – hin zur Chemisch-technischen Assistentin.

Nina Ruzicka : Der Tod und das Mädchen
64 Seiten
2005, Die Biblyothek
€ 12,-

Links:
www.diebiblyothek.de
www.cartoontomb.de

text: rodja pavlik
01.02.2005

Der Kosmopolit

Geheimdienst-Geschichten sind ja schwer klischeeisiert. Das wahrscheinlich Unzutreffendste bekommen wir alle paar Jahre im neuen Bond serviert und auch ansonsten sieht"™s in der Unterhaltungs-Industrie eher nach einem unterhaltsamen, spaßigen Job aus, wenn man sich The Avengers oder die U.N.K.L.E.-Filme anschaut. Mit "24" wird dem Fernsehgucker in Terror-Zeiten eine weitere Seite der Geheimdienstlerei aufgetischt, die zwar hochgradig spannend ist, aber, denkt sich der kritische Betrachter, wird uns da nicht wieder ein Haufen Gut-gegen-Böse-Figuren aufgetischt, die der Realität so nicht entsprechen?

Vor gar nicht all zu langer Zeit hat sich Comic-Autor Sascha Thau dem ganzen Thema angenommen und so viel recherchiert, dass es fast schade ist, dass am Ende daraus "žnur" ein Comic geworden ist. Was heißt da nur? Es ist in meinen Augen eins der besten Dinger, die in den vergangenen zehn Jahren von einem deutschen Autor und Zeichner abgeliefert wurden. Wie schon erwähnt, topp recherchiert! Und das will schon mal was heißen, denn meistens verarbeiten Zeichner hierzulande ja nur allzu gerne lediglich ihren eigenen Seelenmüll. Also, ein politischer Comic, voller Statements und Zitaten, die ordentlich food for thoughts geben, eingebettet in eine rasante Handlung, die nicht nach 08/15-Dramaturgie-Ablauf funktioniert.
Kurz zum Inhalt und dann weiter gelobhudelt:
Die CIA beschließt, Simon Bjarnason aka der Kosmopolit, in den Ruhestand zu schicken. Dass der weltgrößte Geheimdienst diesen nicht mit einer Uhr belohnt und Simon keinesfalls ab sofort auf der Post seine Rente holen geht, dürfte klar sein. Doch auch ein Agent will leben und so dreht er kurzerhand den Spieß um… So ganz nebenbei erfahren wir noch eine Menge über die Strukturen und Machenschaften der CIA und fiebern einem Ende entgegen, dass John Woo vor Neid erblassen läßt.
Sascha Thau ist es hier nicht nur gelungen, einen tief gehenden Thriller zu erzählen, der öfters als einem Lieb ist, Fragen ethischer und moralischer Natur an den Leser stellt und ein Alles-in-Ordnung-Weltbild angreift. Er hat — und hier bin ich wirklich Feuer und Flamme — auch einen sehr eigenen, gut durchdachten Erzählstil entdeckt, der Zeit braucht, um ihn als Leser zu knacken. Denn die Handlung läuft nicht von A nach B, sondern liefert uns einen Haufen Fragmente, die wir selber verstehen müssen. Das mag abschreckend klingen, befindet man sich aber erstmal im Lesefluss, lässt einen die Story nicht mehr los… und wenn man nicht alles auf Anhieb versteht: Bei Comics muss man nicht zurückspulen, um genauer hinzugucken!

Links:
www.zwerchfell.de

text: christopher tauber

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